Warum deutsche Professoren Politiker-Dissertationen absegnen, die irgendwann für zu leicht befunden werden, bleibt ein Geheimnis. Eine mögliche Antwort: Der Dr. ist ja nur ein Dr. – kein Einfallstor in die Gilde, wo die Habilitation den Zugang rationiert und die Qualität sichert.

Weil Ph.D. und DPhil langwierige, schweißtreibende Arbeit erfordern, geraten amerikanische und britische Politiker gar nicht erst in Versuchung, mal nach dem Abendessen oder zwischen Sitzungstagen und Wahlkreispflege schnell ein paar Seiten zu diktieren. Oder tagsüber ihre Assistenten zu bemühen. Der Beruf des angelsächsischen Politikers ist die Politik, das aufzehrende Ringen um Macht und Aufstieg. Den Ausschussvorsitz oder öffentliche Aufmerksamkeit zu ergattern ist bei Weitem glorreicher als ein akademisches Ehrenabzeichen. Denn dieses dient weder dem Ruhm noch der Karriere. Man bleibt anständig, weil akademische Schummelei nichts bringt.

Doch in Deutschland zählen der Herr Doktor oder die Frau Doktor auch in der Politik. Bildungsministerin Giffey, die großartige Leistungen als Bürgermeisterin des Berliner Problembezirks Neukölln geleistet hat, unterschreibt manchmal Briefe mit "Dr. Franziska Giffey"; die Sahne auf dem Kuchen muss sein. Obwohl Guttenberg mit einem Adelstitel geboren wurde, wollte er unbedingt noch die bürgerliche Auszeichnung dazuhaben. Versucht man, den statusfördernden Wert des Doktortitels zu erklären, muss man in die deutsche Geschichte einsteigen.

Ganz grob liefert die Machtfrage einen Fingerzeig. Mit der Vereinigung des Reiches unter Bismarck trat Deutschland in eine rasante Modernisierung ein, die das Land in einen wirtschaftlichen Giganten verwandelte. Das Bürgertum stieg auf, aber die Macht blieb in der Hand von Kaiser und Adel. Anders bei den Angelsachsen. In Amerika gab es weder König noch Aristokratie, die Macht lag seit Anbeginn bei der Mittelschicht. In England wurden die Royals nach und nach auf zeremonielle Funktionen zurückgedrängt. Doch das deutsche Bürgertum machte es sich im Herrenzimmer bequem, dort, wo hinter dem Glas des eichenen Bücherschranks Schiller, Lessing und Kant auf dem Altar des deutschen Idealismus prangten.

Das "Bildungsbürgertum", ein Begriff, den keine andere westliche Sprache kennt, verkaufte sein Erstgeburtsrecht sozusagen für den Ohrensessel im Reich der Innerlichkeit. Sein Adelsabzeichen war der Herr Doktor, nicht die blau-weiß-rote Kokarde des Republikanismus, die den Machtanspruch des Bürgertums im Westen symbolisierte. Dieser forderte nicht kulturelle, sondern politische Mitbestimmung. Ein typischer Vertreter des Verzichts war Thomas Mann. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen lehrte er, "Kultur" und "Seele" seien weitaus höher einzustufen als das platte "Stimmrecht" wie in den westlichen Demokratien. Im Reich der Kultur regierte der "Herr Doktor", nicht Offizier oder Kaiser.

Das mag erklären, warum der bürgerliche Adelstitel "Doktor" gerade in der zutiefst mittelständisch-egalitären Gesellschaft des heutigen Deutschlands eine so mächtige Faszination ausübt. Gelegentlich zeugt sie akademische Schluderei. Aber es lohnt sich, wenn man als Dr. Schmidt einen Tisch im voll besetzten Restaurant bekommt. "MdB" müsste eigentlich besser funktionieren, denn ein Abgeordneter ist nur einer von 700.

Ein Ph.D. bringt dagegen gar nichts (bis auf den Beweis der Lehrbefähigung). Die drei Buchstaben stehen denn auch bescheiden hinter dem Namen, derweil der "Doktor" am Anfang steht und Bestandteil des Namens in Deutschland ist. In Amerika hat es nur Kissinger geschafft, mit Dr. angeredet zu werden. Ansonsten bleibt der Titel den Ärzten vorbehalten. Die haben immerhin zehn, zwölf Jahre lang studiert und famuliert.

Um dem Vorwurf des Selbstplagiats zu entgehen, verweist der Autor auf sein Buch "Der gute Deutsche: Die Karriere einer moralischen Supermacht" (2018), dem Passagen in diesem Text entnommen wurden.