Die Ereignisse überschlugen sich mal wieder, und Frau X musste, um das mitzubekommen, nicht einmal vor die Tür gehen (ging auch nicht, alle Kinder waren krank), weil das schon andere für sie erledigten: Der FPÖ-Politiker H.-C. Strache teilte auf Instagram mit, dass er gut erholt von seinem "Papamonat" in die Politik zurückkehre und postete als Beweis ein Foto von sich in Skiausrüstung vor einer Skilandschaft. Während Frau X drei Kinder gleichzeitig wickelte und nebenbei an ihrer Dissertation zum Thema "Hallihallo, ungeborenes Leben" arbeitete, sah sie kopfschüttelnd auf das H.-C.-Strache-Instagram-Bild auf ihrem Handy und fragte sich, was H.-C. Strache richtig und sie falsch gemacht hatte.

Nicht nur, dass H.-C. Strache offenbar gerade aus den Holidays kam, in denen sie ewig nicht mehr gewesen war. Nein, H.-C. Straches Insta-Performance war auch viel besser als ihre und seine Frisur ebenfalls, was sich Frau X damit erklärte, dass er einfach mehr Manpower hatte. Und da Frau X mal gelesen hatte, dass man als Mann nicht lange fackelt, marschierte sie ins Badezimmer und exte spontan das Aftershave ihres Mannes, der gerade auf Dienstreise war (seit zwei Wochen, tat ihm wirklich leid, aber "Baby, das System ist schuld. Ich habe mir nicht ausgedacht, dass ich mehr verdiene als du und also du es sein musst, die die Familie managt." Daraufhin sie: "Ich will die Scheidung." Er: "Vom System kannst du dich nicht scheiden lassen. Und von mir würde ich mich an deiner Stelle nicht scheiden lassen. Denk an die Altersvorsorge.").

Nachdem Frau X das Aftershave ausgetrunken hatte, wurde ihr ein wenig schwindlig, und dann entstieg der Aftershave-Flasche auch sofort Jens Spahn mit Superman-Körper und genauso blau angemalt wie Will Smith in der neuen Aladin-Verfilmung. "Liebe Frau X", sagte er, "ich habe eigentlich nur gute Nachrichten, aber fangen wir vielleicht erst mal so an: Sie haben sicher mitbekommen, dass die ungarische Regierung da gerade diese Idee auf den Weg bringt, Müttern finanzielle Anreize dafür zu geben, möglichst viele Kinder für die ungarische Nation zu gebären, im Rahmen einer Ehe versteht sich."

Frau X: "Ah, okay! Kriege ich Geld? Im Grunde genommen war ich ja ziemlich fleißig. Stehe deswegen auch kurz vorm Burn-out und frage mich schon die ganze Zeit, wer mir das bezahlt. Super, dass Sie da sind." Jens Spahn: "Moment, Moment. Solche Mutterkreuz-Moves verbieten sich hier in Deutschland natürlich aus historischen Gründen. Aber ich bin nicht untätig, ich mache was anderes Tolles: Ich gebe eine Studie in Auftrag, die die psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen erforschen soll. Dafür habe ich gerade fünf Millionen lockergemacht. Mütter und ungeborenes Leben liegen mir nämlich eng am Unionswähler-Herzen."

Frau X: "Herr Spahn, da sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Mein Mann und ich haben eh keinen Sex mehr, weil uns dafür schlicht die Zeit beziehungsweise das Geld fehlt. Außerdem bin ich nach drei Hausgeburten, die ich alleine durchziehen musste, weil die im Krankenhaus keinen Platz mehr hatten, durch eine posttraumatische Belastungsstörung auch nicht mehr so wirklich zu irgendwas zu gebrauchen." Jens Spahn schwieg, Frau X dachte nach.

Frau X: "Also, was diesem Land wegen unseres nicht stattfindenden Sex alles an ungeborenem Leben durch die Lappen gegangen ist, unvorstellbar. Aber wissen Sie, mein Mann und ich hassen uns wegen des ökonomischen und sozialen Drucks, der auf uns liegt, eigentlich schon seit dem ersten Kind. Da läuft echt nichts mehr. Wenn Sie in unserer dysfunktionalen Kernfamilie ungeborenes Leben schützen wollen, müssen Sie sozusagen früher aufstehen." Jens Spahn: "Mache ich, deswegen bin ich hier. Sie dürfen sich was wünschen!" Frau X: "Okay, total einfach: Ich wünsche mir fünf Millionen. Davon werde ich mir viele bunte Smarties kaufen und zwei Wochen Pauschalurlaub in der Türkei, und Sie passen hier so lange mit meinem Mann auf die Kinder auf. Wäre schön, wenn wir gegen 20 Uhr, also kurz bevor Sie die Kinder ins Bett bringen, mal alle zusammen FaceTime machen könnten."

Frau X lächelte. Sie machte die Augen auf und bemerkte, dass sie auf dem Badezimmerboden lag und der blaue Geist Jens Spahns weg war. Nur die leere Aftershave-Flasche in ihrer Hand war noch da.