Der Bundespräsident steht auf einem Podest. Vor ihm hat sich das Musikkorps der Streitkräfte Ecuadors aufgestellt, in knallbunten, preußisch-inspirierten Uniformen spielt es die deutsche Nationalhymne. Der Dirigent peitscht die Musiker voran, sie rasen durch die Noten. Der Bundespräsident muss sich ranhalten, um mitzusingen, aber die Hymne klingt fast besser als im klassischen Haydnschen Tempo. Und den Schwung kann Frank-Walter Steinmeier gebrauchen. Hier in Südamerika, fern von Deutschland, will das Staatsoberhaupt ein Signal des Aufbruchs setzen, ein Signal für eine andere Weltsicht: eine, die nicht von kleinlichen Interessenkämpfen bestimmt ist, sondern vom Blick aufs große Ganze und von der Vernetztheit allen Lebens.

Deshalb soll er hier in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, auf Alexander von Humboldts Spuren wandeln. So ist jedenfalls das Programm der Reise überschrieben. Gerade ist er mit dem weißen Regierungsflieger mit schwarz-rot-goldener Flagge und einem ganzen Tross von Biodiversitätsexperten, Humboldt-Kennern und Journalisten gelandet. Nun bereitet er sich auf seine Humboldt-Würdigung vor, die er am Abend halten wird, das Musikkorps schmettert unterdessen die letzten Takte seiner Interpretation der deutschen Hymne.

Naturforscher Alexander von Humboldt © Bridgeman Images

Dabei kennen sie Alexander von Humboldt in Südamerika eigentlich viel besser als im fernen Europa. Schließlich zog Humboldt hier fünf Jahre umher, maß in zerschlissenen Schuhen die Himmelsbläue auf dem Chimborazo-Vulkan, kopierte beim Marsch über die Anden Schriftzeichen fremder Kulturen und ertrank beinahe im Orinoko. Steinmeier bleibt fünf Tage, immerhin, spricht mit Vertretern des indigenen Volkes der Kogi, fährt mit einer Wagenkolonne zum Humboldtschen Basislager am Antisana-Vulkan, macht eine Tour mit einem Speedboot. Der Zeitplan ist eng.

Im September dieses Jahres wird die Welt den 250. Geburtstag Alexander von Humboldts feiern. Bald wird einem dieser Name zu den Ohren herauskommen, aber jetzt gerade beginnt der Trubel erst. Schon die Bundeskanzlerin hat ihre Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz mit einem Verweis auf Humboldt begonnen und auf dessen berühmtes Zitat: "Alles ist Wechselwirkung." Der Multilateralist Humboldt passt bestens in Merkels Weltbild und lässt sich gegen Nationalismus, Autokratie und Trumpschen Egoismus in Stellung bringen.

Die Weitsicht, mit der Humboldt seinerzeit das große Ganze in den Blick nahm, ist noch immer beeindruckend. Ihn nur "Naturforscher" zu nennen würde ihm nicht gerecht. Der Mann war viel zu sprunghaft, gebildet und neugierig, um nur an einer Sache festzuhalten. Ihn interessierte stets das Zusammenwirken aller Dinge, seine Neugierde machte vor nichts halt. In Lateinamerika wird er zudem als Befreiungskämpfer verehrt und Helfer im Kampf um Anerkennung. Humboldt gilt hier als ein guter Freund.

Am Abend nach dem Nationalhymnen-Geschmetter eröffnet Steinmeier das Humboldt-Jahr mit einer Rede, er lobt den Forscher als vielseitigen Entdecker und Aufklärer, als Vermittler und Vernetzer, als persönliches Vorbild. Auch er benutzt das Zitat von der Wechselwirkung und spricht vieles an, was Umweltschützer und Naturphilosophen predigen: "Die Umwelt endet nicht an Landesgrenzen." Die Folgen der Umweltzerstörung bedrohten "unsere Existenz", sagt er. Und: "Der Mensch schützt nur das, was er liebt."

Nun war Steinmeier schon als Vizekanzler und Außenminister ein Mann für die großen Linien, und als Bundespräsident ist er es noch viel mehr. Aber dass er sich zum ersten Mal in seiner Amtszeit so offensiv die Umwelt auf die Fahnen schreibt, ist bemerkenswert. Schließlich ignoriert die von ihm forcierte Koalition aus SPD und CDU mit großer Vehemenz viele Umweltprobleme. Die Tatsache, dass sich der Zustand von Klima, Meeren, Tieren und Pflanzen immer weiter verschlechtert und irgendwann nicht mehr repariert werden kann, kommt im politischen Tagesgeschäft kaum vor.

Dass alles mit allem zusammenhängt, ist einer der wichtigsten Gedanken in Humboldts Werk. Er klingt inzwischen abgenutzt und beinahe banal. Nimmt man ihn allerdings ernst und denkt ihn zu Ende, ist er revolutionär. Wie alt müssen Gedanken werden, bevor sie ihre Wirkung entfalten? Das ist so eine Frage, die das Humboldtsche Erbe an das 21. Jahrhundert stellt. Eine andere, etwas praktischere, lautet: Wo und wie kann man heute noch in Südamerika Humboldts Geist folgen?