In elf Sprachen erscheint an diesem Donnerstag ein Buch über die homosexuellen Kleriker an der Spitze der Kirche: "In the Closet of the Vatican". Vier Jahre hat der französischeJournalist Frédéric Martel dafür recherchiert.

DIE ZEIT: Herr Martel, wie viele Homosexuelle leben im Vatikan?

Frédéric Martel: Ich zitiere in meinem Buch den italienischen Priester Francesco Lepore, der 20 Jahre dort gelebt hat. Er schätzt die Zahl auf 80 Prozent. Aber es gibt keine seriösen Untersuchungen. Mein Eindruck nach vier Jahren Recherche ist, dass es auf jeden Fall die große Mehrheit ist. Homosexuell sein heißt übrigens nicht, dass sie es alle praktizieren. Auch wenn es mehr tun, als wir glauben.

ZEIT: Papst Benedikt leugnete in einem Interview, dass es ein nennenswertes Homosexuellen-Netzwerk gegeben habe. Das seien nur wenige Personen gewesen, und er habe die Gruppe zerschlagen.

Martel: Da lag er in beidem völlig falsch. Die Gruppe ist nicht klein, und er hat sie nicht zerschlagen. Benedikt ist eine tragische Figur. Er hat nicht verstanden, was um ihn herum passierte. Er wollte gelebte Homosexualität bekämpfen und hat sich erst spät gegen den sexuellen Missbrauch gewandt. Ich denke, dass das Problem mit der homosexuellen Gruppe ein Grund für seinen Rücktritt 2013 war.

ZEIT: War er naiv?

Martel: Benedikt war in der Tat naiv. Franziskus weiß dagegen genau, was passiert. Er spricht auch öffentlich über die Doppelleben und die Heuchelei.

ZEIT: Papst Franziskus will die Homosexuellen vom Versteckspiel befreien – und wird von ihnen bekämpft. Warum?

Martel: Wenn Sie homosexuell sind und in den Vatikan kommen, sind die Regeln klar: Sie müssen nach außen gegen Homosexualität wettern. Nach innen wird sie toleriert. In diesem System haben sich die Leute eingerichtet. Jetzt passiert etwas Verstörendes: Franziskus verkündet radikale Reformen. Das verängstigt die Leute zutiefst, sie fühlen sich verloren und klammern sich an das Bisherige.

ZEIT: Wer genau kämpft gegen den Papst?

Martel: Es gibt eine Zusammenballung von Hass gegen Franziskus von verschiedenen Bewegungen. Und das ist organisiert. In meinem Buch decke ich unter anderem auf, wie der afrikanische Kardinal Robert Sarah und andere von extrem rechten Organisationen finanziell unterstützt werden.

ZEIT: Ist Homosexualität der Schlüssel, um den Vatikan zu verstehen?

Martel: Ja, dieses Geheimnis beeinflusst alle Bereiche der Kirche und der Lehre. Viele Dinge ergeben sonst keinen Sinn. Das schwule Element hat eine Menge Auswirkungen. Ich will offenlegen, wie das System von Druck, Lüge, Doppelmoral, Heuchelei und Schizophrenie funktioniert.

ZEIT: Wie lange kann eine Kirche das aushalten?

Martel: Ich glaube, wir erleben gerade das Ende von etwas. Überall kommen Missbrauchsskandale ans Licht. Für mich ist das wie eine Reaktion des Körpers, wenn die Lügen plötzlich nicht länger zu ertragen sind. Ich bin überzeugt davon, dass der Zölibat gescheitert ist, und zwar total. Zumal er für die große Mehrheit der Priester gar nicht existiert.

ZEIT: Sie machen die "Kultur der Geheimhaltung" im Vatikan mitverantwortlich für die Missbrauchsskandale. Warum?

Martel: Ich glaube, dass die große Mehrheit der Bischöfe, die sexuellen Missbrauch decken, selbst homosexuell ist. Deshalb ist es für sie nicht das Schlimmste, dass jemand ein Kind missbraucht, sondern dass ihre eigene Homosexualität öffentlich bekannt werden könnte. Sie haben extreme Angst, vom Täter verraten oder erpresst zu werden. Also wollen sie das vertuschen. Der Vatikan hat eine starke Kultur der Geheimhaltung geschaffen, um das Geheimnis zu bewahren, dass die große Mehrheit der Kleriker homosexuell ist. Weil diese Kultur so stark ist, schützt sie auch Missbrauchstäter, obwohl sie für diesen Zweck nicht geschaffen wurde.

Das gesamte Gespräch lesen Sie ab Donnerstag hier.