Es ist der 29. Juni 1958, kurz nach 15 Uhr. Ich bin acht Jahre alt und aufgeregt wie wohl noch nie zuvor in meinem Leben. Die schwedische Fußballnationalmannschaft spielt im Råsundastadion in der Nähe von Stockholm gegen Brasilien, es ist das Finale der Weltmeisterschaft. Das Radio läuft, einen Fernseher haben wir nicht. Als der schwedische Kapitän Nils Liedholm nach wenigen Minuten das Führungstor schießt, hält mich nichts mehr auf dem Sofa. Für einen kurzen Moment keimt die völlig irrationale Hoffnung in mir auf, dass an diesem Tag das Wunder möglich ist, dass wir diese brasilianische Übermannschaft schlagen und Weltmeister im eigenen Land werden. Eine Hoffnung, die spätestens mit dem 1:3, einem Traumtor des damals 17-jährigen Pelé, stirbt.

Trotz der Finalniederlage war diese WM für mich und meine Freunde eine prägende Erfahrung, wir haben eigentlich nichts anderes mehr getan, als Fußball zu spielen. Nach jeder Schulstunde sind wir in der Pause, so schnell es ging, zum Fußballplatz gelaufen und haben gekickt wie die Wahnsinnigen. Dann wieder rein zur nächsten Stunde, und danach wieder auf den Fußballplatz. Von Stunde zu Stunde wurden wir schmutziger. Ein Wunder, dass wir überhaupt etwas gelernt haben!

Ich bin in Kumla, einem kleinen Ort in der Provinz Örebro, aufgewachsen. Als Fußballfan wählt man das beste Team aus der Region, in der man lebt. Eine Frage der Identität, Kinder identifizieren sich vor allem mit den Orten und Menschen, die sie kennen. Als 1960 der Örebro SK in die erste Liga aufstieg, war ich zehn Jahre alt. Das erste Heimspiel habe ich zusammen mit meinem Vater gesehen. Danach war ich Fan des Vereins, wie viele meiner Freunde. Es geht immer auch um Geborgenheit, darum, zu einer sozialen Gruppe zu gehören, gerade junge Männer mit Testosteron-Überschuss brauchen ihre Horde von Gleichgesinnten. Die einen werden Fußballfan, die anderen schließen sich den Hells Angels an. Ich halte Fußball für die bessere Wahl.

Mein Lieblingsteam in der Bundesliga ist Borussia Dortmund. Mein Freund, der Schauspieler Dietmar Bär, ist glühender Dortmund-Fan; wenn ich mich für ein anderes Team entschieden hätte, hätte er mir wohl die Freundschaft gekündigt. Wie gesagt – es geht um Zugehörigkeit.

Seinem Team hält man die Treue, egal, was passiert. Das wird man nicht mehr los, wie eine Tätowierung oder eine chronische Krankheit. Man lässt sich vielleicht von seiner Ehefrau scheiden, aber sein Team verlässt man nicht. In der Hinsicht sind Fußballfans wie altmodische Katholiken. Leider performt der Örebro SK nicht sonderlich gut. Obwohl wir seit ungefähr fünf Jahrzehnten in der ersten Liga spielen, sind wir noch nie Meister geworden; man sollte meinen, dass das in 50 Jahren zumindest einmal gelingen würde. Aber nein, meist dümpeln wir um den siebten oder achten Tabellenplatz herum.

Ich habe auch früh angefangen, selbst im Verein zu spielen. Ich war als Torwart ziemlich gut und habe davon geträumt, schwedischer Nationaltorwart zu werden – bis 1965. In diesem Jahr habe ich das Spiel der schwedischen Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen Deutschland gesehen, ich war in Stockholm im Stadion. Deutschland hat das Spiel mit 2:1 gewonnen. Dieser eher klein gewachsene und etwas massige deutsche Stürmer, Uwe Seeler, machte zwei Kopfballtore. Ich war geschockt. Dieser gedrungene Typ köpft zwei Tore gegen uns! Für mich als Torwart besonders deprimierend.

Möglicherweise war es ein Zufall, dass ich in diesem Jahr meine Fußballkarriere beendete. Ich hatte festgestellt, dass ich nicht nervenstark genug war für die Position des Torhüters. Als Stürmer kannst du drei, vier Fehler machen, wenn du dann das Siegtor schießt, bist du der Held. Als Torwart machst du einen Fehler, und dein Team verliert. Das hat mich so sehr unter Druck gesetzt, dass mir der Stress irgendwann zu viel wurde.