Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Die oberösterreichische Kleinstadt Braunau, die Perle des Innviertels, verfügt im Zentrum zwar über eine schmucke Bausubstanz. Über nennenswerte Wahrzeichen, die Besucher aus Fern und Nah anlocken würden, verfügt das Städtchen allerdings nicht.

Einzig einer wenig spektakulären Adresse gelingt es, Interessierte, Neugierige und nostalgische Naturen zu begeistern, die sich hier den Horror der Geschichte um die Nase wehen lassen wollen. Im Gebäude mit der Anschrift Salzburger Vorstadt 15, einem ehemaligen Braugasthof, wurde Er, der zweifelsfrei prominenteste Sohn der Stadt, vor 130 Jahre geboren. Deshalb wurde Er auch mitunter abfällig "der Braunauer" genannt. Seit Langem wissen weder die Stadt noch die Republik, wie sie mit der heiklen Immobilie umgehen sollen. Das Gebäude hat ja durchaus das Potenzial zur Pilgerstätte. Ist ja sonst nicht mehr viel übrig: Der "Führerbunker" unter der Reichskanzlei ist ein kaum zugänglicher Trümmerhaufen, die Wolfsschanze vom Wald verschlungen, in die Münchner Stadtwohnung am Prinzregenten wurde eine Polizeidienststelle einquartiert, der Berghof ob Berchtesgaden wegrasiert. Selbst das Männerwohnheim Meldemannstraße, in dem Er in Seinen Wiener Leidensjahren nächtigte, heißt heute Seniorenschlössl Brigittenau. Vermutlich ließe sich deshalb in Braunau mit Seiner Aura viel Geld verdienen. Alles echt und unversehrt.

Um endlich den Streit und die Ratlosigkeit zu beenden, beschloss die Regierung vor drei Jahren, das Gebäude zu enteignen, den Schätzwert von 812.000 Euro als Entschädigung zu überweisen und anschließend das Horrorhaus total umzubauen, sodass niemand mehr auf die Idee käme, hier hätte Er seine ersten, damals freilich noch unschuldigen Schreie ausgestoßen.

Der clevere Plan hat nur ein Problem: Die Besitzerin rief das Landesgericht Wels an, welches befand, der Landlady Seines Angedenkens stehe die doppelte Summe zu und fand eine bemerkenswerte Begründung dafür: "insbesondere unter Berücksichtigung der Besonderheit, dass es sich beim Hauptgebäude um das Geburtshaus" des Braunauers handle. Unter diesem Aspekt fände hier keine Enteignung mehr statt, sondern ein lupenreiner Nazi-Devotionalienhandel. Und in dieser Branche könnte der Staat selbst eine Menge Kohle machen. Hat schon jemand an den Führerbalkon am Heldenplatz gedacht?