Kurz bevor es zu den Toiletten geht, bei dem Spielautomaten, über dem ein überdimensionierter "Kleiner Feigling" leuchtet, stellt ein schmaler Mann mit dunklen Augen, die sich in ihre Höhlen zurückgezogen haben, einen Stuhl an einen Tisch, setzt sich und sagt: "Ich bin der Neue. Ich bin hier gerade mal so reingestolpert."

Die zwei anderen Männer am Tisch wissen, dass das nicht stimmt. Er ist kein Neuer. Und wenn er jetzt gerade, an diesem 14. Februar, einem Donnerstag, hier reingestolpert ist, dann sicher nicht zum ersten Mal.

Er wird das aber behaupten in dieser Nacht, die gerade erst begonnen hat, wird immer wieder sagen, er sei hier gerade reingestolpert, in diese Kneipe in einer Seitenstraße der Reeperbahn, Hamburger Berg, Hausnummer 2, in diese Kneipe mit dem Namen "Zum Goldenen Handschuh".

21.05 Uhr. Nachdem der Neue also gesagt hat, er sei der Neue, stellt er klar, wer er sonst noch ist.

"So einen wie mich habt ihr nicht kennengelernt. Ich bin eine ganz andere Lebensform, oh ja. Ich bin kein Erdling. Mir ist alles egal. Ich hasse Menschen, weil die dumm sind. Das ist doch so. Nehmt das doch so hin! Menschen sind dumm. Die haben ihren Untergang verdient. Ich liebe Menschen eigentlich. Doch die sind so dumm, weil sie sich selbst im Weg stehen, versteht ihr? Guckt doch mal, was abgeht. Es gibt Bananen im Einzelpack, in Plastik gewickelt! Da fängt das doch an. Eine Banane in Plastik! Oh mein Gott. Aber was rede ich überhaupt?"

Er steht auf, macht einen Ausfallschritt nach rechts, einen Ausfallschritt nach links.

"All I wanna do is see you / Don’t you know that it’s true", singen Depeche Mode aus der Jukebox, und der Neue singnuschelt mit: "Ooohleiwonneduisssiiju."

Dann verschwindet er in den vorderen Teil des Handschuhs, wo die Jukebox steht und es zwei Stangen zum Tanzen gibt.

21.50 Uhr. Hinter dem Tresen, rechts vom Eingang, steht der Barmann Till. Er öffnet Flaschen, Holsten und Astra, je zwei zwanzig, und sagt: "Zehn vor zehn in der Woche, da ist noch nicht viel los." Voll wird es um eins werden und dann noch mal gegen vier, fünf, wenn die Clubs zumachen und der Handschuh die aufnimmt, die noch nicht nach Hause wollen, die nicht müde sind, zumindest nicht müde genug. Oder noch nicht betrunken, zumindest nicht betrunken genug; so beschreibt es Till.

Jetzt, am frühen Abend, sitzen am Tresen noch einige, die nicht so viel Zeit haben, müde und betrunken zu werden. Die sich ein bisschen beeilen müssen, weil sie morgen wieder früh rausmüssen. Jörg zum Beispiel.

Jörg hat sehr beachtliche Oberarme, sie sind tätowiert, er ist 59 und trägt einen Ohrring links und kurz geschnittene Haare, die ergrauen. Er sagt, er sei Holsten-Trinker, was sich live bestätigen lässt. Jörg kommt immer nach Feierabend in den Handschuh, manchmal wochenlang, wenn er zum Arbeiten in der Stadt ist. Aufstehen muss er morgens um sechs, sieben, und dann arbeitet er den ganzen Tag, aber wer saufen kann, kann auch arbeiten, das hat ihm schon seine Mutter gesagt, daran hält er sich.

Dachdecker ist er, aus dem Rheinland, in Hamburg auf Montage, seine Unterkunft ist nur ein paar Fußminuten entfernt von hier, nahe der Herbertstraße, wo Frauen keinen Zutritt haben und Prostituierte in den Fenstern sitzen.

Jörg hat erst verschiedene Kneipen im Kiez aufgesucht, deren Namen er sich nicht merkte, er merkte sich nur den Handschuh. Hier gefällt es ihm. Einen genaueren Grund, weshalb er hier ist, kann er gerade nicht nennen.

Jörg kennt inzwischen die Stammbesetzung der Kneipe: die, die hinter der Theke stehen, und die, die vor ihr sitzen. Kati sitzt ein paar Stühle weiter am Tresen, ganz außen, sie gräbt ihren Kopf unter die Arme: "Ich gebe keine Autogramme. Meine Sprechzeit ist noch nicht."

Zu Kati also später, sie wird noch Sprechzeit haben.

Erst mal kommt der Neue an den Tresen, der aber jetzt nicht sagt, dass er der Neue ist, sondern: "Ich bin Julius Cäsar. Viva Roma. Yo soy italiano. Ihr Erdlinge seid doch unverbesserlich. Ich habe Langeweile, deswegen bin ich hier."

Nun hat Jörg, der über den Neuen lacht, einen Grund gefunden, warum er hier ist: "Hier ist immer was los", sagt er.

Und der Neue sagt: "Ich bin der Neue."

Jörg: "Kommst nicht öfter, ne?"

Der Neue: "Ach, ihr habt alle keine Ahnung."

Jörg: "Der macht immer, was er will."

Der Neue: "Ich bin Römer. Wenn ich Römer bin, bin ich doch Erdling. Heil Hitler. Weißt du, was geil ist? Wenn ich Heil Hitler sage, alle so: Wie kannst du nur? Du böser Buab, du."

Jörg: "Immer was zu lachen hier."

Der Neue: "Ich bin zu toll für diese Welt. In Wirklichkeit bin ich nur eifersüchtig."

Jörg: "Auf wen?"

Der Neue: "Auf euch alle. Ich will doch auch nur geliebt sein."

Jörg: "Echt? Aus dem Alter bin ich raus."

Der Neue: "Heil Hitler! Ich mach nur Spaß. Ich sag auch mal Masseltoff. Und Inschallah. Und nur weil ich Heil Hitler sage, bin ich ein Nazi? Ich sag auch mal Brokkoli. Bin ich dadurch gleich Vegetarier? Verstehste, was ich meine?"

Jörg: "Hier ist das Leben, wie es so passiert. Ehrlich ist es hier. Isso."

Kati, 46 Jahre alt und immer noch ohne Sprechzeit, soll nun einen Korn bekommen, wundert sich aber, wo der bleibt: "Muss man den erst anpflanzen?"

Sie guckt böse dabei, was auch an den vielen Piercings in ihrem Gesicht liegen mag, zwei in den Brauen, zwei in den Wangen, eins in der Nase, drei entlang der Oberlippe und drei entlang der Unterlippe; und weil sie das weiß, gibt sie die ungefragte Kommentatorin ihres Ausdrucks: "Ich guck böse, von Haus aus. Ich sag, ich kann nichts dafür, ich guck nun mal so."