Die Woche sollte mit einem diplomatischen Triumph beginnen. Der israelische Premier Benjamin Netanjahu hatte die sogenannten Visegrád-Staaten (V4) – also Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Polen – nach Jerusalem zu einem Gipfel eingeladen. Netanjahu hat seit Jahren in die Partnerschaft mit den Mitteleuropäern investiert. Es schien sich zu rentieren. Erst vergangene Woche in Warschau trat man gemeinsam mit einigen arabischen Staaten und den USA auf, bei einer Nahostkonferenz, die sich vor allem gegen den Iran richtete. Israel, so die Botschaft, hat durchaus noch europäische Partner für seine Politik. Beim Iran-Deal steht Mitteleuropa zu Israel.

Und dann das: Wenige Tage später ist das polnisch-israelische Verhältnis an einem Tiefpunkt angelangt. Die Polen kommen nicht nach Jerusalem, der lang geplante Gipfel wurde gestrichen. Man traktiert sich nun mit heftigsten Vorwürfen: Es geht um Antisemitismus, historische Mitverantwortung, Kollaboration, Rassismus. Wie kam es dazu? Die Krise zwischen Warschau und Jerusalem ist ein Lehrstück über die ganz besonderen Schwierigkeiten, die sich auftun, wenn Nationalisten Allianzen schmieden.

Mit den V4-Staaten pflegt der israelische Regierungschef seit Jahren einen engen strategischen Austausch. Man hat eine gemeinsame Weltsicht: für nationale Souveränität als höchstem Wert der Politik; gegen Einwanderung (speziell von Muslimen); für Donald Trump und gegen den Multilateralismus der EU.

Israel und die Mitteleuropäer bilden auf dieser Grundlage ein Bündnis zum wechselseitigen Nutzen. Die V4 distanzieren sich von der EU-Linie gegenüber den Palästinensern. Tschechien hat gar erwogen, gegen den europäischen Konsens seine Botschaft nach Jerusalem zu verlegen. Und Polen stützt offen den amerikanisch-israelischen Angriff auf den Atomdeal mit Teheran.

Israel wiederum dankt dies mit Sicherheitskooperation gegen Terrorismus – und Gesten diplomatischer Aufwertung. Für beide Seiten ist dabei etwas zu gewinnen: Israel kann durch die Spaltung der EU den europäischen Druck gegen seine Siedlungspolitik abmildern und das Atomabkommen schwächen, das es für gefährlich hält; und für die nationalistischen Regierungen Mitteleuropas kommt ein Foto mit Benjamin Netanjahu einem mächtigen Abwehrzauber gleich, getreu dem Motto: Seht her, wir mögen sehr weit rechts stehen, aber mit Antisemitismus haben wir nichts zu tun.

Besonders gelegen kommt dies dem ungarischen Premier Viktor Orbán, der sich schon mehrfach dem Vorwurf ausgesetzt sah, judenfeindliche Klischees zu bedienen. So zum Beispiel in der Kampagne seiner Regierung gegen den Finanzspekulanten und Mäzen George Soros, der den Holocaust in Ungarn im Versteck überlebt hatte. Soros wurde als wurzelloser Kosmopolit dargestellt, der die ungarische Nation durch die Förderung von Einwanderung zerstören wolle. Als der israelische Botschafter in Budapest gegen die Hetze protestierte, wurde er von Netanjahu zurückgepfiffen. Das Bündnis mit Orbán hatte Vorrang.

Auch die nationalkonservative polnische Regierung hat von der Nähe zu Benjamin Netanjahu profitiert. In Polen wurde im vergangenen Jahr ein Gesetz erlassen, nach dem mit Haft bestraft werden sollte, wer dem polnischen Staat oder Volk eine Mitverantwortung am Holocaust zusprach. Nach heftigen Protesten (auch aus Israel) wurde die Haftandrohung fallen gelassen. Doch auch das abgeschwächte Gesetz sahen Historiker als einen Versuch, jeder Debatte über polnische Mittäterschaft an der Judenverfolgung einen Riegel vorzuschieben.

Die israelische Regierung arrangierte sich mit der Warschauer Geschichtspolitik. Netanjahu unterzeichnete eine gemeinsame Erklärung mit dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki. Kritiker sagten, Israel beteilige sich aus realpolitischen Überlegungen am staatlichen "Übertünchen" der historischen Tatsachen. Benjamin Netanjahu ist der Sohn des in Warschau geborenen Historikers Benzion Netanjahu, der sein Leben lang über die Verfolgung der europäischen Juden geforscht hat. Der Vorwurf, er reiche zur Fälschung dieser Geschichte die Hand, wiegt schwer.

Offenbar fühlte Netanjahu sich nun zur Rechtfertigung genötigt. Einem israelischen Reporter sagte er vergangene Woche: "Polen haben mit den Nazis kollaboriert, und ich wüsste nicht, dass irgendjemand für eine solche Aussage bestraft worden wäre." Das war als Verteidigung seiner selbst und der polnischen Regierung gemeint. Die aber sah es als Angriff – und bestrafte ihn, indem sie den Gipfel sprengte.

Ein Verbündeter, der die staatlich gereinigte Version der eigenen Geschichte nicht stützt, ist ohne Wert. So fragil sind die Bündnisse der Nationalisten.