Am letzten Dienstag im Januar treffen sich im Wirtschaftsministerium in Berlin hochrangige Vertreter der Bundesregierung. Eingeladen hat der Wirtschaftsstaatssekretär Ulrich Nußbaum. Gekommen sind seine Kollegen aus dem Kanzleramt, dem Innenministerium, dem Finanzministerium und dem Auswärtigen Amt. Auch die Telekom, Vodafone und Telefónica haben Vertreter geschickt. Es geht um das digitale Deutschland von morgen: den Ausbau des superschnellen mobilen 5G-Netzes in der Bundesrepublik.

5G soll die deutsche Gesellschaft fit für die nächste technische Revolution machen, fit für autonomes Fahren, ferngesteuerte Medizineingriffe oder die vernetzte Industrieproduktion. Man kann das geplante Handynetz als eine Art neuen Blutkreislauf des Landes begreifen. Die Frage ist nur, wer an diesen hochsensiblen Kreislauf herandarf.

An jenem Dienstag vor drei Wochen, so schildern es mehrere Regierungsmitarbeiter der ZEIT, entbrennt darüber in Berlin eine leidenschaftliche Debatte. Es geht um Huawei, den chinesischen Hersteller von Netzwerkgeräten, Sendemasten und Smartphones, einen der Giganten des Internets, der weltweit etwa 180.000 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von rund 95 Milliarden Euro verzeichnet. Beim neuen Mobilfunk spielt Huawei eine entscheidende Rolle. Die chinesische Firma ist zum wichtigsten Netzwerkausrüster der Welt aufgestiegen. Konkurrenten wie Nokia oder Ericsson aus Skandinavien hinken technisch um rund zwei Jahre hinterher, wie Experten schätzen. Hinzu kommt, dass das Unternehmen rund 80 Prozent aller Patente für die 5G-Technik hält.

Vorsicht vor den Chinesen, warnt ein Abteilungsleiter des Innenministeriums. Man werde bei Huawei niemals sicher sein können, ob deren Ingenieure nicht zu Spionagezwecken ein paar Hintertürchen in das neue Netz einbauten – oder sogar einen geheimen Schalter, mit dem sich die gesamte 5G-Technik ausknipsen ließe. Deutschland wäre dann auf einen Schlag ohne Mobilfunk, das öffentliche Leben stünde in weiten Teilen still. "Kill switch" heißt das in der Sprache der Techniker. Auch die Diplomaten im Auswärtigen Amt teilen die Sorgen: "Huawei ist nicht zu trauen."

Er wolle die genannten Punkte gern "einordnen", hält Ulrich Nußbaum, der Wirtschaftsstaatssekretär, nach Erinnerung von Beteiligten dagegen. Man müsse die Bedenken in Verhältnis zu dem betrachten, was 5G für die deutsche Wirtschaft bedeute. Sinngemäß plädiert Nußbaum dafür, trotz nachvollziehbarer Sicherheitsbedenken den Ausbau von 5G nicht jahrelang zu verzögern.

Der Streit darum, wer das mobile Internet von morgen bauen darf, hat mit Sicherheitsfragen, aber auch mit Machtpolitik und geopolitischem Einfluss zu tun. Seit einigen Jahren testen die beiden mächtigsten Nationen der Welt, die USA und China, im Netz ihre Kräfte. Es geht um politische und wirtschaftliche Dominanz und um die Kontrolle von Schlüsseltechnologien.

Aber was ist dran an den Vorwürfen gegen die Chinesen, die US-Vizepräsident Mike Pence vergangenes Wochenende sogar bei der Münchner Sicherheitskonferenz vortrug? Baut Huawei wirklich Spionagetürchen in seine Geräte ein? Wo enden legitime Sicherheitsbedenken des Westens, und wo beginnt protektionistische Abschottung gegen unliebsame Konkurrenz aus Fernost? Wie soll sich die Regierung verhalten?

In Washington sind diese Fragen seit mehr als zehn Jahren ein Thema. Seit der 1988 in Shenzhen gegründete Telekommunikationskonzern Huawei im Jahr 2001 seine erste Niederlassung in den USA eröffnete, rätseln die Amerikaner, wie sie mit den Chinesen umgehen sollen. Um mehr über Huawei zu erfahren, autorisierte das Weiße Haus schließlich mehrere Geheimdienstoperationen gegen das Unternehmen. Sie erlauben einen ungewöhnlichen Einblick in dessen Innenleben.

Keine Hinweise auf Hintertüren

Eine Frau schaut auf ihr Smartphone vor einem Huawei-Plakat in Peking. © Andy Wong/AP/dpa

Um 2006 herum begann die NSA ihren ersten Angriff, Tarnname "Parody Blowup". Beteiligt waren der Geheimdienstkoordinator im damals noch von George W. Bush regierten Weißen Haus, das US-Wirtschaftsministerium, das FBI, die CIA sowie der britische Geheimdienst. Nach Barack Obamas Amtsantritt folgte 2009 eine zweite, noch umfangreichere Operation mit dem Decknamen "Shotgiant". Man wolle herausfinden, wie das Management von Huawei denke, wie die Firma aufgebaut sei, wer die Kunden seien und wohin das Geld fließe, heißt es in internen NSA-Dokumenten, die der Whistleblower Edward Snowden kopierte und die der ZEIT vorliegen.

Wie die Geheimdienste der USA auf die Herausforderung durch Huawei blicken, geht aus einer als "top secret" eingestuften undatierten Präsentation der NSA hervor. "Die Bedrohung durch Huawei ist einzigartig", heißt es dort. Die amerikanischen Geheimdienste seien "nicht darauf ausgerichtet, einen Fall zu behandeln, der ökonomische, geheimdienstliche und militärische Einflüsse sowie eine militärische Infrastruktur in einer Organisation vereint". Die Sorgen bündeln sich in der Person Ren Zhengfei, dem Gründer von Huawei, der früher als Offizier in der nationalen Volksarmee Chinas gedient hat und exzellente Kontakte in die Staatsführung unterhält.

Der 74-jährige Huawei-Gründer Ren Zhengfei © Reuters

Mit den Operationen "Parody Blowup" und "Shotgiant" wollte die NSA herausfinden, ob Huawei tatsächlich in nachrichtendienstliche Aktivitäten verwickelt ist. Um das Jahr 2006 herum nahmen die Amerikaner Huawei deshalb in die Liste ihrer Angriffsziele auf. Eine Elitetruppe der NSA, die für besonders schwer zu knackende Gegner zuständig ist, verschaffte sich an etwa 100 Stellen Zugang zum firmeninternen Netzwerk von Huawei und kopierte eine Liste mit mehr als 1400 Kundennamen sowie interne Anleitungen für das Training von Ingenieuren an Huawei-Produkten.

Die Einbrecher aus den USA arbeiteten so effektiv, dass die NSA nicht nur Zugang zum firmeninternen E-Mail-Archiv erlangte, sondern auch zu geheimen Quellcodes einzelner Huawei-Produkte, die auf einem chinesischen Server abgelegt waren. Der Quellcode erlaubt einen ungeschützten Blick auf die eingesetzte Software, er ist eine Art DNA des jeweiligen Produktes. Huawei stand nackt da.

Zum damaligen Zeitpunkt leitete der Konzern seinen gesamten Mailverkehr über die Zentrale im chinesischen Shenzhen, einer an Hongkong grenzenden Großstadt. Huawei unterhält dort einen Firmencampus mit einem 21-stöckigen Glaspalast. Auf dem Gelände, wo mehr als 40.000 Mitarbeiter arbeiten, gibt es Palmen und Restaurants, einen Apartment-Komplex und einen Trainingsbereich; mit dem Campus imitieren die Chinesen ein wenig die Atmosphäre des Silicon Valley. Auf Satellitenbildern identifizierten die Agenten aus Amerika die einzelnen Bürogebäude, suchten die digitalen Zugangspunkte nach Schwachstellen ab – und drangen schließlich in das Firmennetz ein.

Von Januar 2009 an las die NSA einen Großteil des E-Mail-Verkehrs der Belegschaft mit – inklusive der Post des damaligen Vorstandsvorsitzenden Ren Zhengfei und der damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Sun Yafang. "Wir haben gegenwärtig guten Zugang und so viele Daten, dass wir nicht wissen, was wir damit tun sollen", notierte der Leiter von Operation "Shotgiant" Ende 2009.

Über Jahre weidete der amerikanische Geheimdienst Huawei nach allen Regeln der Spionagekunst aus – doch einen Hinweis darauf, dass das Unternehmen Anweisungen von der chinesischen Staatsführung entgegennimmt oder seine Technik mit geheimen Hintertürchen ausstattet, fanden die Amerikaner den Snowden-Unterlagen zufolge weder mit der Operation "Parody Blowup" noch mit "Shotgiant". Aktuelle Rückfragen aus Europa nach neuen Erkenntnissen hat die US-Administration unbeantwortet gelassen.

Die Deutschen wählten einen anderen Weg. Im Dezember 2017 flog Arne Schönbohm, der Präsident des zuständigen Bundesamtes für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), nach China und traf sich mit Huaweis Vorstandschef. Wenn die Chinesen weiter in Deutschland Aufträge bekommen wollten, dann müssten sie der deutschen Regierung einen Blick hinter die Kulissen gewähren, forderte Schönbohm.

Und tatsächlich: Vor ein paar Monaten eröffnete Huawei in Bonn ein Labor, zu dem die Experten des BSI jederzeit unangemeldet Zugang haben – und wo sie nicht nur einzelne Geräte aufschrauben und inspizieren, sondern sogar den Quellcode von Huaweis Produkten prüfen dürfen. Ein ähnliches Labor unterhalten seit einigen Jahren auch die Briten in der Nähe von Oxford. Die Tests dort und in Bonn kamen zu den gleichen Ergebnissen wie die Geheimoperationen der NSA: Es gab keine Hinweise auf Hintertüren oder gar kill switches.

Die Entscheidung soll bald fallen

Die Zentrale der NSA in Fort Meade: Der US-Geheimdienst spionierte Huawei aus. © NSA/Reuters

Es könne allerdings "gut sein, dass der Quellcode völlig okay ist, aber bei einem späteren Update heimlich eine Spionagefunktion aufgespielt wird", sagt Christopher Porter von der kalifornischen Sicherheitsfirma FireEye, ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter. "Der Quellcode sagt deshalb nicht alles aus."

Das tiefe Misstrauen, das in fast allen westlichen Ländern gegenüber Huawei existiert, ist untrennbar mit dem Ringen um die Dominanz in der Welt des Digitalen verbunden. Bislang sei die Struktur des Internets westlich geprägt, doch die Chinesen würden daran arbeiten, amerikanische und westliche Firmen "weniger relevant" zu machen, heißt es in einem der geheimen NSA-Dokumente. Dadurch würden sich die technischen Standards des Internets verändern, China könne es gelingen, nach und nach den Informationsfluss zu kontrollieren. Die Regierung in Peking gehe davon aus, "dass künftige Kriege um natürliche Ressourcen ausbrechen", glaubt die NSA. "Die Doktrin des chinesischen Militärs umfasst die Störung der Telekommunikations-Infrastruktur und den Cyberwar gegen seine Feinde."

Als ein Indiz dafür gilt Deutschen wie Amerikanern ein neues chinesisches Gesetz, das heimische Organisationen dazu verpflichtet, den Geheimdiensten bei Bedarf zuzuarbeiten. Der Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, sagt, er habe dem Kanzleramt deshalb davon abgeraten, mit Huawei zusammenzuarbeiten. Und der Chef des amerikanischen Datenanalyse-Konzerns Palantir, Alexander Karp, antwortet auf die Frage, ob Huawei am 5G-Netz beteiligt werde solle: "Das kommt darauf an, wie viel Informationen Sie teilen wollen." Die Skepsis lässt sich auf einen Satz verdichten: Wir trauen euch nicht, weil ihr Chinesen seid.

Aber reicht das aus, um den besten technischen Anbieter auszuschließen – dessen Geräte bereits im heute genutzten deutschen Handynetz stecken?

Der oberste Mann für IT-Sicherheit in Deutschland, Arne Schönbohm, glaubt: Seine Experten könnten Huawei so aufmerksam auf die Finger schauen, dass die Chinesen bei Updates der Netzsoftware nicht in der Lage wären, heimlich Hintertüren zu installieren. Und jedes Gerät, das die Chinesen einbauen wollen, müsste zunächst zugelassen werden. "Deutlich verschärfte Prüfkriterien und eine Zertifizierung der eingesetzten Hard- und Software sind ein Weg, um 5G sicher zu machen", sagt Schönbohm. Sein BSI würde gewissermaßen als Aufpasser über Huawei fungieren.

Die Juristen im Innenministerium von Horst Seehofer (CSU) wollen zudem das Telekommunikationsgesetz um eine Formulierung ergänzen, wonach die beauftragten Konzerne "vertrauenswürdig" sein müssen – damit ließen sich Huawei, aber auch andere Unternehmen bei einem begründeten Verdacht ausschließen.

Ein möglicher Kompromiss könnte darin bestehen, Huawei zwar zuzulassen, die Technik aus Fernost aber nur bei einem Teil des neuen Mobilfunknetzes einzusetzen. So wollen es etwa die Franzosen handhaben, die den Chinesen ebenfalls misstrauen, sie aber nicht komplett ausgrenzen. Besonders empfindliche Teile des 5G-Netzes könnten sogar doppelt eingebaut werden, von zwei Herstellern; Huaweis Anteil ließe sich schrittweise reduzieren, wenn die ersten Sendemasten nach sechs oder sieben Jahren ausgetauscht werden und Nokia und Ericsson bis dahin technisch aufgeholt haben.

In Deutschland soll die Entscheidung über Huawei schon bald fallen. In den kommenden Tagen wird das BSI zusammen mit der Bundesnetzagentur eine Liste mit Anforderungen vorlegen, die Unternehmen erfüllen müssen, um an 5G mitbauen zu dürfen. Huaweis Vizepräsident John Suffolk, von der ZEIT um Stellungnahme gebeten, will sich nicht zu den Vorwürfen gegen das Unternehmen äußern. Aber Ren Zhengfei, der mittlerweile 74-jährige Firmengründer, bekannte in einem Interview vor ein paar Wochen, er unterstütze zwar die Kommunistische Partei, werde aber "niemals irgendetwas tun, um einer anderen Nation Schaden zuzufügen". Gegenüber der BBC fügte er diese Woche hinzu: "Die USA können uns in keinem Fall zerstören."

Gegen die berüchtigten kill switches, mit denen komplette Teile des Funknetzes ausgeschaltet werden können, brauchen die Deutschen ohnehin eine andere, größere Lösung als nur eine Lex Huawei. Denn das einzige Land, das bislang nachweislich dabei ertappt wurde, in großem Umfang geheime Implantate in Rechnern zu verstecken, ist nicht China, sondern ein alter Bündnispartner: die USA. Aus den Dokumenten von Snowden geht hervor, dass die NSA weltweit Zehntausende von Rechnern mit einer Schläfersoftware infiziert hat, die auf Knopfdruck aktivierbar ist und das macht, was die US-Regierung will – im Zweifel auch das Handynetz einer fremden Nation abschalten.