Begeistert listete Marieluise Fleißer 1927 die Eigenschaften des modernen Menschentyps auf: "Kaltblütigkeit, Kontrolle, Tempo, Durchhalten". Auch die Autorinnen Irmgard Keun und Vicki Baum hatten sich von der progressiven Zugkraft des Zeitgemäßen betören lassen.

Ganz anders die beinahe gleichaltrige, 1893 in Wien geborene Mela Hartwig. Sie hat das Trugbild des modernen Menschen und der neuen Frau zum Teufel geschickt; nicht nur in ihrem Angestelltenroman Bin ich ein überflüssiger Mensch? aus dem Jahr 1931, sondern schon in ihren zwei Jahre zuvor erschienenen Erzählungen mit dem Titel Ekstasen. Eine Spielverderberin, eine unversöhnliche Protokollantin weiblicher Unterwelten und Untergänge meldete sich hier zu Wort. Scham- und charmefrei im Ton, stellte sie sich dem betriebsamen drive jener Jahre entgegen. Ihr Befund: Die weibliche Psyche ist vieldeutig, unverlässlich und heikel. Zeitgenössisch ist sie jedenfalls nicht, nicht so, wie man sie gerne gehabt hätte.

Fast manisch kreist das Schreiben dieser von Alfred Döblin und Stefan Zweig geförderten Autorin um weibliches Gefühlsleben. In ihren Augen ein Gelände mit Sprengkörperqualität, voller Eigenleben und ohne Ehrfurcht vor eingespielten Ordnungen. Weit über das expressionistische Setting der Zeit hinaus, schreckt ihre Sprache nicht vor der Groteske zurück. Drastisch beschreibt sie die Sehweise einer Spezies, die nicht so richtig hat Fuß fassen können in der Welt. Es wird in ein Fauteuil hineingetaumelt, ein satanisches Gelächter schrumpft zu einer Zelle mit kahlen, getünchten Wänden zusammen. Die ganze grelle Zauberwelt des Stummfilms hat sich in diesen Worten festgesetzt. Mit dem Stummfilm teilen Mela Hartwigs Dichtungen den Glauben daran, O-Töne des Unbewussten ins Bild setzen zu können.

Frau zu sein, ohne das neue City-Girl-Rüstzeug, hatte in den Zwanzigerjahren seinen Preis. Hartwigs Frauenfiguren sind Innenraum-Geschöpfe, Wackelkandidatinnen in puncto Gleichberechtigung und Selbstvertrauen. Eine ganze Vita kann zu Bruch gehen, wenn hier ein Vater und dort ein Bruder, Liebhaber oder Ehemann in den Werkzeugkasten patriarchaler Attitüden greift. Da reicht ein Lächeln, dieses ganz bestimmte "kühle, unwandelbare Lächeln", um die Frau davon zu überzeugen, dass ihr Leben ins Wasser gefallen ist. "Es brach in ihre Geheimnisse ein", heißt es in der Erzählung Das Kind, "es missbrauchte ihre Sehnsüchte, drängte sie vom Weg ab. Die Wirklichkeit war mit einem Male unterbestimmt." Zur selben Zeit kämpfte die in Österreich erscheinende sozialdemokratische Frauenzeitschrift Die Unzufriedene gegen das rückständige österreichische Eherecht, den Alkoholismus der Männer, die ungerechte Entlohnung weiblicher Angestellter. Motive, die im Werk Mela Hartwigs, der Tochter des Marxisten und Soziologen Theodor Hartwig, verdeckt eine Rolle spielen. Wichtiger ist ihr das Außersichsein, die Hochspannung der Gefühle, die Rage der Frauen. Auf diese Weise ist ihr schon im frühen 20. Jahrhundert der große Wurf einer weiblichen Schreibweise geglückt, die fünfzig Jahre später den lektüregeschulten Töchtern Frankreichs, vor allem dem legendären Trio Luce Irigaray, Hélène Cixous und Julia Kristeva, unter dem Codewort écriture féminine unverzichtbar wurde. Und mit ihm die Hysterikerin, die eigentliche Autorin einer neuen weiblichen Geschichtsschreibung: eine Rebellin gegen das Mammutkonzept des "universellen Subjekts".

Mela Hartwig, auch darin eine Pionierin, zeigt sie als eine Fremde, die fluchtartig die Zelte hinter sich abgebrochen und die patriarchale Gefahrenzone geräumt hat. 1927 erscheint die Erzählung Das Verbrechen, die aus dem "Fall Dora" einen "Fall Freud" macht, weil in Freuds 1905 veröffentlichtem Text Bruchstück einer Hysterie-Analyse die Stimme seiner Patientin selbst ungehört blieb. Diese Leerstelle überschrieb Mela Hartwig mit der aufsässigen Beredsamkeit ihrer Agnes Zuba, Tochter eines Psychiaters. Die Erzählung stellt den Raubzugcharakter patriarchaler Rhetorik brillant in ihren Mittelpunkt. Vom Vater zur Verrückten erklärt, landet Agnes passgerecht im Format der Hysterie-Patientin.

Andere Autorinnen haben Dora später daraus befreit. Hélène Cixous hat sie in ihrem vielstimmigen Poem Portrait de Dora wiederbelebt und in Paris auf die Bühne gestellt. Die amerikanische Schriftstellerin Sheila Kohler zeigt sie als Überredungskünstlerin, die Sigmund Freud durch lauter frei erfundene Träume in die Irre laufen lässt. Dreaming for Freud, so der Titel des 2015 erschienenen Buches. Im vergangenen Jahr hat Katharina Adler ihrer Urgroßmutter Ida Bauer, die Freuds Patientin "Dora" war, einen Roman gewidmet: Ida.

In ihrem Londoner Exil, wo sie 1967 stirbt, arbeitet Mela Hartwig Mitte der Vierzigerjahre an ihrem letzten Werk, der Droschl Verlag hat mit dem Roman Inferno unbeirrt nun schon die vierte Veröffentlichung dieser Autorin vorgelegt. Österreich steht kurz vor dem "Anschluss" an das nationalsozialistische Deutsche Reich. Wien ist zum Tatort geworden und Mela Hartwig zur engagierten Ermittlerin der Vorgänge. Sie entdeckt, wie sich die Vorhölle Dantes in Haltung und Mimik der Menschen festgesetzt, wie sie sich in ihren Bekleidungen, ihren Wohnräumen und Gesprächsformen breitgemacht hat. Inferno, so heißt es im Nachwort von Vojin Saša Vukadinović, "inspiziert das innere Erleben des äußeren Schreckens". Flankiert von Hitlergruß und Fackelträgerei, erlebt die junge Kunststudentin Ursula, wie aus Österreich Nazireich wird. Sie berichtet davon aus den verschiedenartigsten Blickwinkeln: als Geliebte eines Widerstandskämpfers, als Schwester eines Nazi-Mitläufers, als Fluchthelferin einer früheren Freundin, als Spionin in einer Dienststelle der Partei. Schreiben, das heißt jetzt, sich in die neuen Zeiten einzugraben wie in ein unbekanntes Schriftzeichensystem.

Die Inferno-Wirklichkeit schärft und schleift den Ton. Ein Zivilisationsbruch war zu verarbeiten, der zur Entstehungszeit des Romans noch kaum zu überblicken war; gerade hatte die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno in einem Amsterdamer Verlag erscheinen können. Gegen das "Faszinosum" des starken Mannes ist allerdings auch die kluge Augenzeugin Ursula, wie die meisten Frauen Mela Hartwigs, nicht immun. Kurzfristig gehört sie zu den vom "Führer" in Bann geschlagenen Mitläuferinnen. Das geschieht, als die Studentin der feurigen Rede des Direktors der Kunstakademie lauscht. "Eine solche Stimme, fühlte sie, konnte nicht lügen." Die Stimme sagte, "wir sind zu klein, um Hitlers Größe zu verstehen". Der Akademiedirektor "stand auf dem Podium wie auf der Kanzel, ein blonder Savonarola".

Zwei Welten, auch zwei feministische Lager prallen aufeinander, als Mela Hartwig und Virginia Woolf in London zu Freundinnen werden. Mela Hartwig auf der einen Seite, mit dem Blick für Naheinstellungen und Innenleben. Auf der anderen Virginia Woolf, die ungläubige, hellwache Wegweiserin der literarischen Moderne, die ihre Leserinnen zu "weiblicher Welterfahrung" ermutigte und die schnellen "Ich-Wechsel" der Frau mit einer berauschend schnellen Autofahrt verglich. Beide Autorinnen stehen gegenwärtigen Spielarten einer écriture féminine näher als die revoltierenden Frauen der Achtzigerjahre mit ihrem subkulturellen Appeal.

Virginia Woolf hatte dabei bereits die zukünftige Töchtergeneration vor Augen. Mela Hartwig tauchte lieber ab in die dunklen, affektiven Zwänge der Menschennatur. Beide Perspektiven finden sich in der gegenwärtigen feministischen Szene, haben sich eingeschrieben in literarische Texte, in Proklamationen, sketch shows. Woolfs Handschrift findet man in den Webserien angelsächsischer Comedians wieder: ein Spielfeld, in dem immer gerade ein Konsens in die Brüche geht, ein Überbau in sich zusammensackt, ein Gender-Genre kippt wie in der Webserie Avant-Guardians, 2017 von der glänzenden Alesia Etinoff kreiert, einer schwarzen L.A.-Comedian, deren Skripte ein unverbrauchtes fluides Sprechen zwischen Komik und Weisheit, Güte und Paradoxie hervorzaubern. Die Dünnhäutigkeit und das sprachliche Vibrato der Hartwigschen Frauen, vom Zwang beherrscht, Geschehnisse offenzulegen, die im Untergrund spielen, finden sich wieder bei der in New York lebenden Autorin Katie Roiphe. Auch ihre Sprache kreist, wachsam, geradezu detektivisch, um Ungeklärtes und Zwiespältiges, so in ihren Büchern Rätselhafte Alice und The Violet Hour. In Uncommon Arrangements stellt sie sich die Frage: Warum haben sich so viele Paare der Bloomsbury Group betrogen, gegenseitig verraten, sind gescheitert und trotzdem zusammengeblieben? Die Antwort weiß die Protagonistin in Mela Hartwigs Aufzeichnungen einer Hässlichen: Sie wollten "ein Schicksal haben".

Mela Hartwig: Inferno. Droschl Verlag, Graz 2018; 216 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €