Um die Fallhöhe dieser Karriere zu ermessen, muss man kurz zurückspulen in den Sommer 2017, als alles ganz leicht zu sein schien. Man sieht einen älteren Herrn auf einer großen Bühne, das blaue Hemd über der weißen Hose, in der Hand ein paar Zettel. Vor ihm Zehntausende überwiegend junge Menschen, sonnentrunken, zeitvergessen.

"Ist es gerecht", röhrt der ältere Herr von der Bühne herab, "dass so viele Menschen in Armut leben, in einer Gesellschaft, in der es so viele Reiche gibt?"

Die Menge kreischt, nein, natürlich ist es nicht gerecht. Einige haben sich seinen Namen auf die Stirn geschrieben, andere schwenken Fahnen mit seinem Bild.

Der ältere Herr beschwört den "Geist der Liebe", er ruft: "Frieden ist möglich."

Die Menge singt: "Oh, Jeremy Corbyn!"

Der Auftritt auf dem Musikfestival in Glastonbury im Südwesten Englands markierte den Höhepunkt einer erstaunlichen Verwandlung. Aus Jeremy Corbyn, einem wunderlichen linken Zausel, war ein Rockstar geworden, ein Hoffnungsträger, der immer mehr Menschen in seinen Bann zog. Dem Chef der britischen Sozialdemokraten, Labour, gelang es, Emotionen zu wecken, die in der westlichen Politik selten geworden sind: Hoffnung und Zuversicht.

Bei der Parlamentswahl kurz zuvor hatte Corbyn zwar nicht gewonnen, aber doch einen ungeahnten Erfolg erzielt. 40 Prozent der Stimmen, 30 Abgeordnete mehr als zuvor – so gut hatte Labour lange nicht mehr abgeschnitten. So gut hat zuletzt überhaupt keine sozialdemokratische Partei mehr in Europa abgeschnitten. Verglichen mit der Begeisterung für Corbyn war der Schulz-Zug eine Bimmelbahn.

Quellen: British Election Study, YouGov © ZEIT-Grafik

Damals, im Sommer 2017, schien alles möglich zu sein: eine bessere Welt, eine linkere Politik, die Auferstehung der Sozialdemokratie. Sogar dass der ältere Herr dort vorn auf der Bühne bald Premierminister werden könnte, war nicht ausgeschlossen.

Zwanzig Monate später, im Februar 2019, steht Corbyn vor den Trümmern seiner Amtszeit als Parteichef. Acht Abgeordnete haben zu Beginn der Woche Labour verlassen, aus Protest gegen ihren Vorsitzenden. Einer von ihnen, Mike Gapes, war fünfzig Jahre lang Sozialdemokrat. Nun schreibt er, Labour sei nicht mehr die Partei, die er in all den Jahren unterstützt habe. Die Abtrünnigen werfen dem Vorsitzenden vor, dass er die Partei zu weit nach links gerückt habe. Dass er keine klare Haltung zum Brexit habe und dass er Antisemitismus und Rassismus in der Partei dulde. Sie wollen nun eine neue Partei gründen. Der Labour-Vize Tom Watson warnt seinen eigenen Vorsitzenden: Bleibe Corbyn bei seinem Kurs, würden weitere Abgeordnete die Partei verlassen.

Großbritannien taumelt dem Brexit entgegen, die regierenden Konservativen sind zutiefst zerstritten – und Labour zerlegt sich selbst. Oh, Jeremy Corbyn.