Julian Barnes, einer der großen europäischen Schriftsteller, bewohnt ein helles Haus in Highgate, Londons Halbhöhenlage. Es sind nur wenige Schritte zum Dartmouth Park, von dem aus man die ganze Stadt überblickt. Und in fünf Gehminuten hat man den Highgate Cemetery erreicht, auf dem Karl Marx beerdigt ist – und Barnes’ Ehefrau Pat Kavanagh. Wir sind zum Gespräch verabredet, weil Barnes’ Roman "Die einzige Geschichte" in diesen Tagen auf Deutsch erscheint. Aber auf dem Billardtisch in seiner Bibliothek liegen schon die Manuskriptseiten seines nächsten Buches. Bis kurz vor diesem Gespräch hat er daran gearbeitet.

DIE ZEIT: Mr. Barnes, in Ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Roman Die einzige Geschichte erzählen Sie von der scheiternden Liebe zwischen einem 19-Jährigen und einer fast 30 Jahre älteren Frau. Sie selbst sind jetzt 73. Ich würde Ihnen vor meiner Frage gern ein Zitat von Kafka vorlesen.

Julian Barnes: Nur zu.

ZEIT: Kafka schreibt: "Ich kann schwimmen wie die andern, nur habe ich ein besseres Gedächtnis als die andern, ich habe das einstige Nicht-schwimmen-Können nicht vergessen. Da ich es aber nicht vergessen habe, hilft mir das Schwimmen-Können nichts, und ich kann doch nicht schwimmen."

Barnes: Wow.

ZEIT: Kann es sein, dass man als älterer Mann tief im Inneren noch immer der Nichtschwimmer ist, der junge Mann, der nicht weiß, wie man lebt?

Barnes: Ich kann mich sehr gut an die Zeit erinnern, als ich Nichtschwimmer war. Und noch besser erinnere ich mich an die Zeit, da es mir unmöglich schien, je ein Schwimmer zu werden. Dieses Gefühl hatte ich als Kind und auch noch als Jugendlicher. Später fragte ich mich: Wie kommt es, dass die Leute einen plötzlich als Erwachsenen akzeptieren – sie nehmen einen gleichsam in ihren Club auf. Obwohl man doch der gleiche junge Mensch ist, der man immer war. Vielleicht ist die Erwachsenenwelt nur eine Verschwörung von Leuten, die so tun, als wären sie Erwachsene.

ZEIT: Auf dem Weg zum Erwachsenen hatten Sie ein natürliches Hindernis: einen großen Bruder.

Barnes: Ja. Er war mir lange voraus.

ZEIT: Er schämte sich als Junge für Sie und benützte nie denselben U-Bahn-Zug wie Sie – und das, obwohl Sie denselben Schulweg hatten. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm heute?

Barnes: Sehr gut. Er lebt als emeritierter Professor der Philosophie in Frankreich, ich wohne in London. Wir sehen uns alle zwei Jahre einmal. Er ist fast taub, ich bin ziemlich taub – das heißt, wir schreien uns an, wenn wir uns unterhalten. Und wir kommen jetzt besser zurecht als in vielen Jahren zuvor.

ZEIT: Sie sind beide berühmt auf Ihrem Gebiet, aber Ihre Berühmtheit überstrahlt die seine. Ist das eine Genugtuung für Sie, nach all den U-Bahn-Erlebnissen?

Barnes: Er ist drei Jahre älter als ich, war ein besserer Student als ich, wurde Uni-Professor – während ich herumeierte und meine Zeit vergeudete. Erst mit Anfang 30 riss ich mich zusammen und veröffentlichte mein erstes Buch. Irgendwann stellte er dann fest, dass manche meiner Bücher im Times Literary Supplement längere Kritiken als seine bekamen. Das hat ihm zuerst nicht gefallen. Die Leute fingen an, ihn zu fragen: Oh, sind Sie Julian Barnes’ Bruder? Aber darüber habe ich nie mit ihm gesprochen, also bin ich auf Vermutungen angewiesen. An einem bestimmten Punkt beschloss er, auf mich stolz zu sein. Und ich bin sehr stolz auf ihn. Wobei ich zugeben muss: Ich verstehe seine Texte nicht.

ZEIT: Wirklich nicht?

Barnes: Ganz ehrlich nicht. Ich bin nicht gut in Philosophie. Meine Mutter hat es einmal wunderbar auf den Punkt gebracht: "Ich habe zwei Söhne. Der eine schreibt Bücher, die ich zwar lesen kann, aber nicht verstehe" – die Bücher meines Bruders –, "und der andere schreibt Bücher, die ich zwar verstehe, aber nicht lesen kann." Damit meinte sie meine Bücher.

ZEIT: Warum konnte sie Ihre Bücher nicht lesen?

Barnes: Zu viel Sex. Too explicit.

ZEIT: Sind Sie je beim Schreiben einer Szene errötet?

Barnes: Nein. Nicht dass ich wüsste.

ZEIT: Vielleicht haben Sie es nicht gemerkt?

Barnes: Das könnte sein. Als Flaubert die Szene schrieb, in der Madame Bovary sich vergiftet, bekam er angeblich Brechreiz. Schreiben ist eine seltsame Mischung aus zwei Vorgängen: Einerseits lässt man der Fantasie freien Lauf – andererseits überwacht man diesen Vorgang genau.