Stefan Gruhner hat gute Chancen, neuer Chef der Jungen Union zu werden. Auch weil er aus dem Osten kommt.

Als Stefan Gruhner seine erste Kampagne startet, besucht er gerade die fünfte Klasse. Es ist das Jahr 1995, das Gymnasium im ostthüringischen Schleiz muss so viele Schüler aufnehmen, dass es aus allen Nähten platzt. Der Unterricht wird teilweise in ein anderes, altes Schulgebäude ausgelagert, das, wie Gruhner sagt, "völlig heruntergelumpert" aussieht. In den Klassenzimmern blättert die Farbe von den Wänden, die Toiletten sind "unter aller Sau". Also führt der Junge als frisch gewählter Klassensprecher mit seinen elf Lebensjahren den Protest an, gegen Lehrer und Verwaltung. Er erfährt zum ersten Mal, dass er Aufmerksamkeit erzeugen kann. Und er lernt, dass sich diese Aufmerksamkeit gut anfühlt. Bald darauf darf seine Klasse wieder ins Hauptgebäude umziehen.

Ein knappes Vierteljahrhundert später sitzt Stefan Gruhner in einem Café in der Südstadt von Erfurt, zerschneidet einen Flammkuchen und spricht über seine neueste Kampagne. Er ist jetzt 34, schmal, trägt eine große Brille. Seit 2010 führt er die Nachwuchsvereinigung der CDU, die Junge Union (JU), in Thüringen. Seit 2014 sitzt er im Landtag. Nun, Mitte März, will er auf dem Deutschlandtag der JU zum Bundesvorsitzenden gewählt werden. Als Nachfolger von Paul Ziemiak, den die neue CDU- Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer zu ihrem Generalsekretär gemacht hat.

Stefan Gruhner wäre der erste Ostdeutsche an der Spitze der JU – in einem Jahr, in dem in drei der neuen Länder die Landtage neu gewählt werden. Und er wäre der erste JU-Vorsitzende, der offen schwul lebt. Allerdings fügt er, als das Thema aufkommt, eilig an, dass er auch der erste schwule JU-Chef sei, der ein Obergefreiter der Bundeswehr und Alter Herr einer schlagenden Burschenschaft sei. "So eine Mischung gibt es nicht ganz so oft", sagt er. Und versucht ein Lächeln.

Gruhner weiß, dass er mit allem, was er irgendwie vorweisen kann, kämpfen muss – zumal in Zeiten, da die Union die innerparteiliche Demokratie zelebriert wie kaum je zuvor. Sein Gegenbewerber heißt Tilman Kuban, ist der niedersächsische JU-Landesvorsitzende und wurde soeben auf einen recht aussichtsreichen Listenplatz für das Europaparlament gesetzt. Ein starker Gegner.

Und trotzdem darf Gruhner sich berechtigte Hoffnungen machen. Alle Ost-Verbände unterstützen ihn. Auch große westdeutsche Verbände wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen haben sich für ihn angesprochen. Denn: Ostdeutscher zu sein, das kann 2019 ein echter Vorteil in der Vita eines Politikers sein. Hinter der westdeutschen Solidarität stecken aber durchaus auch taktische Überlegungen. Wer JU-Mitglied sein will, darf nicht älter als 35 Jahre alt sein. Würde Gruhner an die Spitze gewählt, dürfte er laut Satzung ausnahmsweise bis zum Ende seiner zweijährigen Amtszeit in der Jungen Union bleiben. Danach wäre Schluss. "Ein klassischer Übergangspapst", schrieb Bild. Die großen JU-Landesverbände gewännen so Zeit, sich neu zu sortieren.

Gruhner möchte es naturgemäß anders betrachtet wissen. Die Junge Union, sagt er, müsse CDU und CSU wieder vor sich hertreiben wie in alten Zeiten. Und so, wie es die Jusos bei der SPD vormachten. Dafür sei er als Ostdeutscher gerade einfach besser geeignet. "Dieses Jahr wird in Deutschland über die Zukunft der Volkspartei CDU entschieden – und im Osten über die Zukunft der Demokratie", sagt Gruhner.

Das ist pathetisch, aber er weiß schon, wovon er spricht. In seiner Heimat Ostthüringen war die AfD bei der Bundestagswahl vor eineinhalb Jahren mancherorts stärkste Partei. Wenn er im Plenarsaal des Landtags in Erfurt redet, sitzt ihm, wenn er nach rechts blickt, der AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke gegenüber. "Ich stehe politisch an der Frontlinie", sagt Gruhner. Tatsächlich spielt er damit auch darauf an, dass sein Bundesland vom einzigen linken Ministerpräsidenten der Republik regiert wird, Bodo Ramelow. An der Linken, die früher als PDS firmierte, arbeitet sich Gruhner ab, seit er mit 15 in die Junge Union eintrat. Dass dieser Kampf auch viel Folklore war, wird heute deutlich: Denn es ist ja der Aufstieg der AfD, der die CDU im Osten tatsächlich bedroht – und zwar dort, wo sie immer stark war, beim Kleinbürgertum auf dem Land, in dem nun diffuse Ängste wachsen. Es ist das Milieu, in dem Gruhner aufgewachsen ist: Sein Vater ist gelernter Elektriker, die Mutter Finanzbuchhalterin. "Wir waren eine ganz normale DDR-Familie", sagt er. Unpolitisch, parteilos, mit den Verhältnissen arrangiert.