Man muss kein Theologe sein, um zu wissen, dass die Sünden von Priestern schwerer wiegen als die Sünden säkularer Zeitgenossen. Noch keine Institution der Weltgeschichte ist mit einem so ungeheuren und so kompromisslosen Selbstanspruch aufgetreten wie die katholische Kirche. Und auch der moralische Maßstab, den sie an die Menschen anlegt, ist historisch ohne Vergleich. Seit zweitausend Jahren predigt sie: Widersteht dem Bösen. Widersteht der Gewalt. Tut das Gute. Gott ist die Liebe.

Und nun? Unzählige Priester haben den ihnen Anvertrauten Gewalt angetan, und wer hier nur von "Missbrauch" spricht, der verharmlost die höllische Praxis sexueller Unterwerfung. Die guten Hirten haben Kindern und Jugendlichen etwas zugefügt, das man ein Leben lang nicht mehr vergisst: die Erfahrung des Bösen. Gleichwohl haben einige Kirchenführer den Eindruck erweckt, der "Missbrauchsskandal" beweise einmal mehr, wie niederträchtig die gottlose Moderne geworden ist: Der Hure Babylon sei es sogar gelungen, den Widerstand geweihter Männer zu brechen und sie zum Bösen zu verführen – die subjektive Verfehlung katholischer Priester offenbare die objektive Sündhaftigkeit einer an den Teufel gefallenen, vollends sexualisierten Gesellschaft.

Das klingt nach Ausflucht und Freispruch, ganz so, als würde die Kirche sich selbst die Absolution erteilen. Doch bevor man die sittenlose Moderne anklagt, ist es ratsam zu fragen, welche Rolle die Sakralisierung des Pflichtzölibats bei der Entstehung sexueller Gewalt spielt. So hat der Salzburger Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff (FAZ vom 19.1.2019) den Finger in die Wunde gelegt und beklagt, dass sich Amt und Biografie des Priesters gegenseitig "aufladen", und eben nicht nur zum Guten. "Für die katholische Kirche stellt die wechselseitige Sakralisierung von Amt und Person im Priester eine Besonderheit dar. Die Macht, die der Priester als Person vertritt, verkörpert er zugleich. Sie ist ihm förmlich eingeschrieben." Der Priester – und das sei die starke Seite des Zölibats – stelle sein Leben ganz in den Dienst der Nachfolge Christi. Doch der Weg von einer "sublimen Opfermystik" zur fatalen Selbstermächtigung sei nur kurz. Der Anspruch, dass der Priester Jesus Christus repräsentiere, "setzt eine Macht frei, die auch in ihrem Missbrauch im kulturellen Tiefengrund einer zölibatären Priesterkirche verankert ist".

Mit seinen Einlassungen wird sich der scharfzüngige Hoff bei den Glaubenshütern im Vatikan keine Freunde machen, denn der Fluchtpunkt seines Arguments ist die Aufhebung des Pflichtzölibats. Dabei hat er den theologisch empfindlichsten Punkt noch nicht einmal angesprochen: Woher stammt eigentlich die Vorstellung, der Weg zur heiligen Wahrheit führe allein über die Unterwerfung der inneren Natur, über das Opfer des Begehrens? Und ist diese theologische Konstruktion mitverantwortlich für die sexuelle Gewalt in der Kirche? Noch provozierender gefragt: Entsteht sexuelle Gewalt, also das Böse, ausgerechnet in einer Lebensform, die sich dem lebenslangen Kampf gegen das Böse verschrieben hat?

Leibfeindliche Pauluszitate sind schnell zur Hand, doch viel aufschlussreicher ist der Kirchenlehrer Augustinus, genauer: seine frühe, in Dialogform gehaltene Schrift "Vom freien Willen", entstanden zwischen 387 und 395. Bemerkenswert darin ist die intellektuelle Brillanz, mit der Augustinus alles daransetzt, die Entstehung des Bösen ganz in den Missbrauch des freien Willens zu verlegen. Das Böse, so wird er zu beteuern nicht müde, ist keine dunkle Macht, keine substantia, keine Wesenheit, die die Menschen hinterrücks überfällt und teufelsgleich von ihnen Besitz ergreift. Nein, für Augustinus (354–430) ist der Mensch selbst der Urheber des Bösen, nur er allein.

Der Mensch sündigt durch seinen Willen, und dieser Wille ist frei: Er kann das Gute wollen oder das Gute nicht wollen. In diesem Fall entspringt das Böse einer Privation, dem Mangel an gutem Willen: "Denn was liegt so sehr in der Macht des Willens als der Wille selbst?", schreibt Augustinus.

Der Kirchenvater ahnte, dass sein Argument nicht wirklich überzeugend sein würde, denn der Wille zum Guten muss sich schon immer selber wollen, um gut zu sein. Um diesem Zirkelschluss zu entgehen, nennt Augustinus eine Bedingung, die zwingend erfüllt sein muss, damit der freie Wille, das Geschenk Gottes an den Menschen, sich für das Gute entscheidet, für das Heilige und Absolute. Diese Bedingung, man ahnt es, ist die Auslöschung der "verwerflichen Begierde", es ist die Überwindung des sinnlichen Körpers als "des Menschen niedrigster Teil". "Das Reich der Begierden", erklärt Augustinus seinem Zuhörer in großartigen Formulierungen, "übt eine grausame Tyrannenherrschaft aus" und verwirrt "mit wütenden Stürmen ganz und gar des Menschen Seele und Leben". Ruhelos und qualvoll ist das Dasein im Herrschaftsbereich der Gelüste; sie ketten den freien Willen an die profane Welt, sie machen ihn zu ihrem "Genossen" und versperren die Einsicht in das Heilige. Nur wer der Gewalt der Begierde standhalte, nur wer seine Gelüste "unterjocht", der sei frei genug, die machtlose Macht der Wahrheit wahrhaftig zu wollen. "Wenn also die Vernunft die irrationalen Triebe der Seele beherrscht, dann erst regiert im Menschen dasjenige, dem nach jenem Gesetz, dessen Ewigkeit wir erkannt haben, das Regiment gebührt."