Es ist ein kleiner Satz, der große Wirkung entfaltet. Der Satz lautet: "Ja, ich glaube Ihnen!" Kardinal Christoph Schönborn sagt ihn Anfang Februar zu einem Missbrauchsopfer seiner Kirche, und niemand hat ihn gezwungen, dies zu tun. Kein Staatsanwalt hat ihn bekniet, kein Papst hat es ihm befohlen. Der Kardinal, mächtiger Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, hat sich für sein Bekenntnis an einen besonderen Ort begeben, in ein Studio des Bayerischen Rundfunks in München, ihm gegenüber sitzt eine junge Frau, die Kameras laufen. Auf dem Fernsehschirm wird man später einen alten Mann sehen, der leise und stockend spricht, mit hängenden Schultern. Seine ganze Haltung zeigt, wie die Lügen und die Schuld der Kirche auch die Gutwilligen niederdrücken. Sein Satz aber wird ein Symbol werden: dafür, dass man sich gerade machen und vor die Opfer stellen kann.

In einer E-Mail hatte der 74 Jahre alte Kardinal die 35-jährige Frau, die frühere Nonne Doris Wagner, um dieses Treffen in München gebeten. Wer wüsste besser als Schönborn, einst Schüler von Joseph Ratzinger, nun Unterstützer von Papst Franziskus, dass die katholische Kirche ihren Opfern tausendfach nicht geglaubt und deren Leid verleugnet hat? Dass die bisherigen Reueschwüre vieler Bischöfe halbherzig waren? Sonst müsste der Vatikan keinen Anti-Missbrauchs-Gipfel abhalten, der am Donnerstag dieser Woche in Rom beginnt.

Der nächste Akt eines Weltdramas ist eröffnet. Es handelt von der ältesten Bewusstseinsagentur unseres Kulturkreises, die ihren eigenen, frommen Ansprüchen nicht genügte. Die die Nächstenliebe zwar predigte, aber verriet. Doris Wagner, eine deutsche Nonne, wurde noch vor zehn Jahren beschimpft, als sie ihre Ordensoberin in Rom um Beistand bat. Nachdem sie, wie sie sagte, von einem höhergestellten Ordenspriester missbraucht worden war, in einem Orden im Hoheitsgebiet des Wiener Kardinals Schönborn (ZEIT ONLINE vom 20. April 2014 und ZEIT Nr. 40/18). Der Priester bestreitet die Tat, aber wurde vom Vatikan versetzt. Nun pflichteten mehrere hohe Kirchenverantwortliche dem Kardinal bei.

Mittlerweile reden nicht mehr nur Ordensfrauen, jetzt spricht auch der amtierende Papst von vergewaltigten Nonnen und verhängt für Missbrauch die härtesten Kirchenstrafen: 2018 schasste er in Chile die Bischöfe Francisco José Cox Huneeus und Marco Antonio Órdenes Fernández. In den USA hat er eben den Kardinal Theodore McCarrick in den Laienstand versetzt. Zwar ist das wenig angesichts Tausender kirchlicher Missbrauchsfälle, die allein 2017 und 2018 durch Studien für Australien, Deutschland und den US-Bundesstaat Pennsylvania publik wurden. Aber man spürt das Ausmaß der Kirchenkrise auch an der zunehmenden Härte der Maßregeln aus Rom. Nur eines kann kein Papst befehlen: Reue.

Deshalb war Schönborns Satz im Studio so wichtig. Weitere Medien griffen ihn auf und berichteten in Deutschland und Österreich, in den USA und Italien, sogar Vatican News, der Sender des Heiligen Stuhls. Der Orden, um den es geht, hat beste Beziehungen zum emeritierten Papst Benedikt. Nachdem der Film ausgestrahlt worden war, antwortete Doris Wagner auf die Frage der ZEIT, ob sie dem Kardinal dessen Reue abnehme: Ja! Es habe sie berührt, den Chef einer Bischofskonferenz so betroffen, fast hilflos zu erleben. Jedoch: "Ich weiß nicht, ob das eine emotionale oder institutionelle Ohnmacht ist. Davon hängt ab, was als nächstes kommt. Ich bin gespannt, ob die Kirche den nächsten Schritt schafft, uns Betroffenen nicht nur zu glauben, sondern etwas zu tun."

Genau darum geht es in dieser Woche in Rom: Kann die Kirche sich ändern? Will sie wirklich aufhören mit dem Vertuschen der Missbrauchsfälle? Oder folgt dem hehren Vorsatz nur ein neues Verschweigen, die Vertuschung der Vertuschung? Begreifen die Bischöfe, dass es jetzt um die größte aller großen Glaubensfragen geht: Wer will dieser Kirche noch glauben?

Bislang ist die Antwort unklar. Noch läuft ein Machtkampf zwischen jenen Katholiken, die über sexuelle Gewalt reden wollen, und ihren Widersachern, die nicht einmal über Sexualität reden. Zwischen Aufklärungswilligen (Nordamerikaner, Australier, Iren, Franzosen) und Institutionenschützern (Afrikaner, Asiaten, Osteuropäer, Südamerikaner). Auf beiden Seiten gibt es Abweichler, und vor allem die Deutschen streiten sich, zum Beispiel darüber, ob man Bistumsakten der Justiz aushändigen müsste.