Hätte das Formular doch ein Feld für letzte Anmerkungen, dann fänden der Ärger und die Wut ihren Platz. So sehen es viele, die bei Monika Pütz oder einer ihrer Kolleginnen im Büro sitzen und aus der Kirche austreten wollen. Aber aufs Papier passt nur das: die Anschrift, die Religionszugehörigkeit und der Rest der Bürokratie. "Hier im Amtsgericht müssen wir den Grund gar nicht wissen", sagt Pütz. Sie ist Rechtspflegerin am Kölner Gericht. Dort also, wo jedes Jahr Tausende aus den beiden großen Kirchen austreten. Und obwohl niemand fragt, wollen viele erzählen, warum sie gehen.

Also reden sie, wenn die Mitarbeiterinnen ihre Daten eingeben. Das beherrschende Thema in den letzten Monaten: der katholische Missbrauchsskandal. Die Krise der katholischen Kirche lässt sich auch anhand der Zahlen der Austrittsstelle ablesen: 4.903 katholische Kölner erklärten 2018 ihren Kirchenaustritt – 30 Prozent rein katholische Austritte mehr als im Vorjahr.

Die Erfahrungen aus dem Kölner Amtsgericht gleichen denen aus anderen Regionen: In den zehn größten deutschen Städten ist 2018 die Zahl der Kirchenaustritte deutlich gestiegen, wie eine Recherche von Christ&Welt zeigt. Im Schnitt über alle befragten Großstädte hinweg gab es im vergangenen Jahr etwa 17 Prozent mehr Austritte aus der evangelischen und katholischen Kirche als 2017.

Auf Bitten von Christ&Welt hatten Amtsgerichte und Rathäuser ihre Datenbanken ausgewertet. Weil man in Deutschland seinen Kirchenabschied nicht beim Pfarrer, sondern auf einem Amt erklären muss, sind die Behörden die erste Quelle für aktuelle Zahlen. Einzige Einschränkung: Nicht alle Ämter trennen in ihrer Statistik zwischen den beiden Konfessionen, daher ist der Vergleich von Christ&Welt ein ökumenischer. Die beiden großen Kirchen selbst lassen sich jedes Jahr Zeit: Sie veröffentlichen ihre Statistiken immer zu einem gemeinsamen Termin mitten im Sommer, wohl ein wenig mit dem Kalkül, dass sie sich da am besten versenden.

In den vergangenen Jahren waren die Zahlen recht konstant geblieben. Das hatte in den Kirchen die Hoffnung geweckt, dass der unvermeidliche Rückbau doch etwas gemütlicher wird. Dann aber kam das Krisenjahr 2018: Die Schlagzeilen reichten von Missbrauchs- bis hin zu Finanzskandalen. "Das wird dramatisch", sagte schon vor Monaten ein Spitzenmann aus der katholischen Kirche, als das Gespräch auf die Austrittszahlen kam. Er sollte recht behalten, wie die Zahlen im Einzelnen belegen.

An der Spitze der Austritte (katholisch und evangelisch) stehen Essen und Köln mit einer Steigerung von 24 Prozent (von 2182 im Vorjahr auf 2710 Austritte in Essen im Jahr 2018 und von 6109 Austritten auf 7572 in Köln), in Berlin sind es 21 Prozent (2018: 16.845 Austritte), in Düsseldorf 20 Prozent (4068), in Dortmund 17 Prozent (2707), in München (13.879) und Hamburg 16 Prozent (13.525), in Leipzig (1555) und in Stuttgart 14 Prozent (4388). Einziger Ausreißer ist Frankfurt: Die hessische Metropole verzeichnete lediglich einen Anstieg um sechs Prozent (6286).

Was sagen die Zahlen über den Zustand der katholischen Kirche Anfang 2019 aus – kurz bevor am Donnerstag der Missbrauchs-Krisengipfel im Vatikan beginnt?

© Viola Schmieskors

Die Rechtspflegerin

Immer wenn Monika Pütz und ihre Kolleginnen etwas von einem Skandal in der katholischen Kirche hören, dann wissen sie: Am nächsten Tag wird es voll. "Es stehen schon mal um zehn vor acht die Ersten vor der noch verschlossenen Tür." Dass die Zahlen dramatisch steigen würden, das haben sie im Amtsgericht schon länger geahnt. "Seit einigen Monaten hat sich etwas verändert", erzählt Pütz.

2016, 2017 – da surrte die Austrittsbürokratie noch routiniert vor sich hin. Ins Amtsgericht kamen vor allem jene, die sich aus finanziellen Motiven abmeldeten. So ein Argument, sagt Pütz, komme besonders oft von den Jungen, die gerade ihren ersten richtigen Job begonnen haben: Wenn auf der Steuerbescheinigung zum ersten Mal die Kirchensteuer abgezogen wird, beginnt oft eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Was verbindet mich eigentlich mit der Kirche?

Dann kam 2018 – und auf den Gerichtsfluren wurde es schnell voll: Es war gerade Februar, als bekannt wurde, dass das Bistum Eichstätt Millionen mit US-Immobilienkrediten verzockt hat. Im Frühjahr konnten sich die Bischöfe nicht darauf einigen, auch evangelische Ehepartner zur Kommunion zuzulassen. Im Sommer begannen dann die Monate der Missbrauchsskandale – erst mit drastischen Berichten aus Australien, USA, Chile. Im September setzte die MHG-Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz den Skandal fort. Und dann waren da noch diese Sondereffekte. Monika Pütz: "Wenn der Papst etwas über Homosexuelle sagt, dann kommen am nächsten Tag Menschen zu uns, die sagen, wenn die mich nicht wollen, dann bin ich eben weg."