Überrollt wurde heuer allen voran die FDP – und das im Wahljahr. Am vergangenen Samstag wurde es Parteipräsidentin Petra Gössi zuviel. In einem Interview, das in mehreren Tamedia-Zeitungen erschien, also gegenüber dem mittigen Justemilieu, das durchaus Sympathien für wirtschaftsliberale Ideen und Werte hegt, aber dem ebenso etwas an der Umwelt liegt: "Wir sind keine klimafeindliche Partei."

Die FDP will Hand bieten für verbindliche Inlandsziele, um den CO₂-Ausstoß zu verkleinern. Und für eine CO₂-Abgabe auf Flugtickets, so wie man sie in den umliegenden Ländern bereits seit Längerem kennt.

"Es geht um ein zentrales Thema: die Umwelt", sagte Gössi. Intern abgesprochen war das Vorpreschen nicht. Freisinnige Klimapolitiker wie Christian Wasserfallen fühlten sich desavouiert. "Verbote und neue Steuern sind die Werkzeuge der Linken und Grünen, wir handeln clever", sagte Wasserfallen gegenüber dem Bund.

Es war ein politischer Stunt. Aber Gössi setzt auf die Parteibasis. Den 120.000 FDP-Mitgliedern will sie in einer groß angelegten Befragung den umweltpolitischen Puls messen.

Eine Wahlkampf-Rolle-rückwärts; oder ist es der FDP wirklich ernst, und findet sie 2019 ihr grünes Gewissen wieder, das die Partei einst hatte, in ihrem ökonomistischen Eifer vergaß und schließlich an die Grünliberalen delegierte?

Sei’s drum: Ob und wie die Klimaziele von Paris in der Schweiz umgesetzt werden, entscheidet sich nicht in Zeitungsinterviews, nicht an Demonstrationen, und selbst ein Erfolg der Gletscher-Initiative wäre kein Garant dafür. Sie definiert zwar ein Ziel, aber nicht den Weg, der zu ihm führt. So, wie das Volksbegehren immer tun.

Entscheiden wird sich die Klimapolitik der Schweiz dort, wo sie konkret wird. Allen voran in den Kantonen. Gemäß Bundesverfassung haben sie die Kompetenz, nicht der Bund, für energiepolitische Maßnahmen im Gebäudebereich. Und in, an sowie auf den Häusern entscheidet sich vieles, wenn es ums Klima geht: Heizen und Warmwasseraufbereitung verursachen knapp 40 Prozent des gesamten CO₂-Ausstoßes in der Schweiz.

Die Kantone sind deshalb verantwortlich für die Umsetzung der "Energiestrategie 2050". Im Mai 2017 wurde sie in einer eidgenössischen Volksabstimmung klar angenommen. Das war der einfache Teil.

Der schwierige Teil folgte und dauert bis heute an. Das zeigte eine Abstimmung vor zwei Wochen in Bern. Mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,6 Prozent Neinstimmen wurde das kantonale Energiegesetz abgelehnt. Vor allem in den ländlichen Gebieten wollten die Stimmbürger nichts von strengeren Vorschriften wissen, um den CO₂-Ausstoß zu senken.

Das Gesetz sah unter anderem vor, dass Hausbesitzer ihre Öl- und Gasheizungen nur noch dann ersetzen dürfen, wenn sie ihr Haus gleichzeitig isolieren oder zumindest teilweise auf erneuerbare Energien setzen. Hauseigentümer- und Wirtschaftsverbände hatten das Referendum ergriffen: "Wir brauchen keine neuen Vorschriften im Energiebereich." Unterstützt wurden sie dabei von der SVP und der – FDP.

Auch in anderen Kantonen haben es die neuen Energiegesetze schwer. Solothurn und Luzern stimmten im vergangenen Sommer darüber ab. Während die Vorlage in Luzern – auch dank des Supports durch die kantonalen FDP – angenommen wurde, scheiterte das Gesetz in Solothurn krachend – auch dank des Widerstands der FDP. Gerade mal 30 Prozent legten ein Ja in die Urne.

Eine Nachwahlstudie des Forschungsinstitutes GfS zeigt, warum. Zum einen sei die Vorlage zu komplex, das Stimmvolk überfordert und zu wenig informiert worden. Die Solothurner Regierung habe die Vorlage aber auch zu stark auf Verbote ausgerichtet und "den Hauseigentümern zu wenig Anreize geboten". Andererseits sei das deutliche Scheitern auf die Erwartung individueller Nachteile zurückzuführen. "Vor allem der als zu stark wahrgenommene Eingriff ins Privateigentum und die Befürchtung höherer Mieten befeuerten das Nein."

Gefragt, wie ein Gesetz denn aussehen müsste, dem sie zustimmen würden, antworteten die Stimmberechtigten: Anreizsysteme und Zielvorgaben seien ihnen sympathischer als Vorschriften und Verbote.

Es ist wie so oft in der Klimapolitik: Je unverbindlicher eine Maßnahme ist, desto bereitwilliger wird sie akzeptiert. Beginnt sie, den Einzelnen im Alltag beziehungsweise im Portemonnaie zu schmerzen, sinkt die Akzeptanz deutlich.

Ein konkreter Vorschlag muss die Gratwanderung meistern zwischen dem Wunsch der Bevölkerung, möglichst nicht davon tangiert zu werden, und dem Erreichen der damit angestrebten Ziele.

Im Dezember versuchte die FDP diesen Seiltanz im Nationalrat. Vorerst gelang er ihr, nun droht sie dennoch abzustürzen. Also wagte Petra Gössi ihren Klima-Stunt.

Die Geschichte gibt ihr dafür recht. "In der Bevölkerung ist die Bereitschaft in der Regel größer als in der Politik, eine Veränderung in der Umwelt als gesellschaftliches Problem anzuerkennen", sagt der Historiker Romed Aschwanden. Er forscht zur deutschsprachigen Alpenschutzbewegung und sieht einige Parallelen zur Situation in den 1990er-Jahren (lesen Sie dazu dieses Interview).

Eine FDP, die als "klimafeindliche Partei" gilt, droht im Klimawahljahr 2019, das die linksgrünen Parteien ausgerufen haben, ihr selbst gestecktes Ziel zu verpassen: nämlich die SP als zweitstärkste Partei zu überholen. Was bei Petra Gössi den Ausschlag für ihre klimapolitische 180-Grad-Wende gab, ist nicht bekannt. Ihre Gegner wittern Wahlkampftaktik, Anbiederei und halten ihr hämisch die eigene Smartspider-Grafik vor, in der sichtbar wird, wie viel sich die FDP-Präsidentin bis anhin um Fragen des Umweltschutzes gekümmert hat: so gut wie gar nicht.

Gössi sagt, sie erfahre viel Unterstützung für ihren neuen Kurs. Und auch die lange schweigenden, ökologisch angehauchten Freisinnigen wagen sich immer forscher ins Offene. Einige von ihnen liebäugeln gar mit einer grünen Untersektion innerhalb der Partei.

Aber reicht das für die große Wende?

Schon einmal versuchten Freisinnige ihre Partei auf Ökokurs zu bringen. 1986 wollte Bundesrätin Elisabeth Kopp "eine marktwirtschaftliche Umweltpolitik" umsetzen – und scheiterte. Parteipräsident Philipp Müller versuchte es 2014 mit mehr Grün – und scheiterte. Trotzdem gewann seine Partei ein Jahr später die Wahlen.

Für die Schweiz und ihre Klima- und Umweltpolitik aber wäre eine freisinnige Partei wichtig, die nicht nur in den präsidialen Verlautbarungen einen "verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt und den natürlichen Ressourcen" fordert, sondern diesen auch umsetzt. Die Seinsfrage der FDP ist die Seinsfrage eines Landes, dessen Bewohnern jede neue Vorschrift, jedes neue Verbot zuwider ist – die sich aber gleichzeitig immer stärker vor dem Klimawandel fürchten.