Einmal war eine ostdeutsche Stadt schon Kulturhauptstadt Europas, nämlich Weimar im Jahr 1999. Nun bewerben sich gleich fünf Orte aus den neuen Ländern: Neben Dresden sind das Chemnitz, Gera, Zittau und Magdeburg. Im Westen konkurrieren Hannover, Hildesheim und Nürnberg mit. Bis zum Herbst müssen die Bewerbungen eingereicht werden, danach entscheidet eine internationale Jury, wer auf eine Shortlist übernommen wird. Und Ende 2020 soll die Siegerstadt gekürt werden.

Absehbar ist schon, dass alle Ost-Bewerberorte die gesellschaftlichen Spannungen und Aufwallungen, die sie erleben, nicht etwa kleinreden wollen, sondern im Gegenteil geradezu zum Argument erklären. Man setzt auf die bewegte Nachwendegeschichte; macht aus dem gesellschaftlichen Streit um Heimat und Identität eine eigene Erzählung.

Chemnitz

Chemnitz, europäische Kulturhauptstadt? Träumt weiter, haben im August und September 2018 nicht wenige gesagt. Damals erlebte Chemnitz teils rechtsextremistische Ausschreitungen, ganz Europa sprach darüber. "Natürlich beeinflussen diese Chemnitzer Ereignisse die Kulturhauptstadtbewerbung", sagte denn auch Ferenc Csák, Chef des Bewerbungskomitees in der Stadt, der Freien Presse. Aber, so Csák: "Zu einer Kulturhauptstadt gehört, solche blinden Flecken auszumachen und zu thematisieren, die Menschen ernst zu nehmen und nichts unter den Teppich zu kehren." Das Problem, das hier zu besichtigen sei, sei womöglich auch ein europäisches Problem.

Dazu passt, dass das Motto der Chemnitzer Bewerbung "Aufbrüche" lauten soll, angelehnt an die Brüche in der Stadtgeschichte. Industrialisierung, Kriegszerstörung, DDR, Nachwendezeit. Einst industrielle Blüte, dann immenser Bevölkerungsrückgang. All das will Csák zum Motiv machen. Und: Er sieht offenbar eine Chance, viele der Probleme aus diesen Zeiten aufzuarbeiten, was oft noch nicht geschehen sei. Schon vom Bewerbungsprozess versprechen sich die Chemnitzer einiges: In einer Ideensammlung stehen Verschönerungen für Parks, eine neue Buslinie und ein Fahrrad-Parkhaus. Für Csák ergibt das Sinn. Das Bürgerengagement, sagte er der Freien Presse, solle der Gesellschaft Halt geben. Schließlich laute eine Leitfrage der Jury: "Wie wollen wir miteinander leben?"

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Gera

Früher, sagt Geras Bewerbungschef Peter Baumgardt, sei dies eine der reichsten Städte Deutschlands gewesen – dank Industrie und Uranbergbau. Inzwischen ist das alles Geschichte, Gera schrumpft. "Der Transformationsprozess des Ostens ist hier sehr gut zu beobachten", findet Baumgardt. Das wolle er zum Thema machen, denn solche Brüche gehörten zu einer ostdeutschen Stadt. "Natürlich kann es aber auch schmerzhaft sein, wenn man zeigt, dass auch früher nicht alles super war", sagt Baumgardt. Man müsse das angeknackste Selbstbewusstsein mancher Geraer stärken. Denn die hätten einiges, auf das sie stolz sein könnten. Er zählt neben dem Otto-Dix-Haus auch die "Geraer Höhler" dazu, ein unterirdisches Kellersystem unter der Altstadt, in dem vor knapp 500 Jahren Bier gelagert wurde. "Es ist nicht nötig", sagt Baumgardt, "dass wir uns mit Berlin oder München vergleichen. Aber Schätze haben wir schon." Der Bewerbungschef hat Erfahrung mit dem Kulturhauptstadt-Wettrennen. 2010 leitete er die Görlitzer Kampagne für den Titel. Letztlich ohne Erfolg: Damals setzten sich Essen und das Ruhrgebiet durch. Diesmal, finden sie in Gera, sei der Osten dran.

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Zittau

Klar, auch Zittau hat Mauerfall und Deindustrialisierung erlebt, Wegzug und Neuaufbau. Auch in Zittau ist die AfD stark, die Gesellschaft im Umbruch. Aber das Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb soll ein anderes sein – nämlich: die Lage. Als Stadt in der Dreiländerregion Deutschland/Tschechien/Polen sei man prädestiniert für den Titel der Kulturhauptstadt. Findet Sandra Scheel, Projektmanagerin für die Bewerbung der Stadt. "Die europäische Identität wird hier jeden Tag gelebt", sagt sie. Neben den beiden Nachbarländern unterstützten auch der Landkreis Görlitz und Städte in der Oberlausitz die Idee. Scheel vergleicht die Geschichte der Region mit der des Ruhrgebiets. "Das Ende der Kohle, der Abbau der Industrie verbinden uns."

Dabei steht noch gar nicht fest, ob Zittau sich überhaupt bewerben wird: Ende Mai befragt die Stadt ihre Bürger. Dann kommen auch diejenigen zu Wort, die statt mehr Europa lieber weniger hätten. Bevor die Europäer in Brüssel die Bewerbung Zittaus zu Gesicht bekommen, muss Scheel also die eigene Bevölkerung überzeugen.

Wenn sie das schafft – das glauben nicht wenige, die sich mit dem Kulturhauptstadt-Prozedere auskennen –, könnte Zittau tatsächlich ein Geheimfavorit werden.

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Magdeburg

Es gebe etwas, das die Magdeburger mitunter unterschätzen, sagt Andrea Jozwiak: dass man aus der eigenen Geschichte immer etwas machen könne. Übersetzt heißt das wohl, dass die Magdeburger Geschichte nicht nur Grund für Trübsal sein muss. Andrea Jozwiak ist Sprecherin der Magdeburger Kulturhauptstadt-Bewerbung. Und muss damit leben, dass ihr Ort eher als verborgene Schönheit gilt: viele Plattenbauten, stark zerstört im Krieg. Nach der Wende auch nicht nur vom Glück gesegnet. Aber Magdeburg, sagt Jozwiak, hätte es verdient, endlich aus dem Schatten zu treten. Es gebe zwei Hochschulen. Eine reiche Kultur. Daraus lasse sich doch Selbstbewusstsein entwickeln! Und mit einer Sache ist sich Jozwiak ohnehin sicher: "Selbst wenn es nicht für den Titel reicht, haben wir mit der Bewerbung bereits viel angestoßen."

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