Manchmal überlege ich, wie mein Leben aussähe, wenn ich meine Haare auf Daumenbreite kurz halten müsste. Und noch Sorge hätte, ob sie ausgehen, an den Schläfen, dann oben mittig, bis die Haut durchscheint usw. Ich mir die Haare zwar gerne tönen dürfte, wenn Kastanie in dreckiges Grau absackt, aber nur unter der Gefahr, mich komplett lächerlich zu machen. Denkt Schröder. Meinetwegen Trump. Männer! Ich bin voll der Bewunderung, dass Männer das Haarproblem des Mannes irgendwie packen, ohne zu jammern oder sich wie rasende Fünfjährige auf dem Boden zu wälzen und nach jedem zu treten, der versucht, etwas Besänftigendes zu sagen.

Ich sage jetzt mal mit aller Vorsicht, es ist schwierig mit der Behaarung des Mannes. Sprießt es, etwa aus dem Hemdkragen, wird gemeckert. Beim Herrenfriseur um die Ecke ist "Warmwachs" im Angebot, aber mit Zusatz "Gesicht". Dafür kostet "by Sülo" einmal trocken nur 12 Euro. Wenn ich bei "Sülo" vorbeigehe, lasse ich den Hund ein bisschen rumschnuppern, damit ich ein bisschen gucken kann. It’s a man’s world! Nur Kerle. Alle sehr dunkle Haare, viele Muskeln. Wie sie sich so entspannt zurücklehnen, die Typen, während einer hinter ihnen steht und zärtlich Zeige- und Mittelfinger über die Schläfen zieht, darin die bisschen Haare einfängt – und schnipp.

Die Undercuts sind makellose, schwarz pointierte, fast nackte Flächen, nach oben hin in einer eleganten Kurve auslaufend wie der Kotflügel eines amerikanischen Straßenkreuzers – toll. Kopfmittig dann Gekräusel, wie Persianer geölt.

Der Migrant hält hierzulande ja die Frisurkultur hoch. Das ist so süß wie das Aufstehen für ältere Damen in der Bahn, das es ohne Zuwanderung aus dem Nahen Osten gar nicht mehr gäbe. Unter der einheimischen Bevölkerung gibt es leider sehr viele, gerade in der Fifty-plus-Altersgruppe, denen die Strähnen runterhängen, ein Nonstyling, das sie nicht selten mit Pferdeschwänzchen oder rasantem Fahrradfahren auf Bürgersteigen kombinieren. Ein albernes, rücksichtsloses Easy-Rider-Getue. Passanten, die es überleben, können nicht umhin zu bemerken, dass sich in dieser Haarmasse selbst bei Fahrtwind nichts mehr rührt. Wir kommen zur klassischen "Vermeidungsfrisur". Irgendwie kurz, bitte gucke keiner. Interessanter sind für uns die praktizierten Frisur-Ablenkungsvarianten.

Herr Prof. Dr. Dieter Köhler etwa, unser "Lungenprofessor", reitet bei hart aber fair seine Attacke gegen die Feinstaubgrenzwerte zwar nahezu glatzköpfig, dekoriert sich aber mit giftgelber Krawatte, auf der Comicfiguren ihre Polo-Schläger schwingen. Hingucker! In Japan lenken Männer von ihren mit Kurzfellchen bedeckten Rundschädeln sehr effektiv ab, indem sie einmal im Jahr bei einer alles überbietenden Zeremonie (saidiji eyo) die blanken Arschbacken vorzeigen, die mittig durch einen Stoffstrang betont werden, der auf der Körpervorderseite in ein textiles Feigenblatt mündet, welches ihr Allerheiligstes schützt, während also 10.000 Männer, mit Nacktpo in einem Fluss stehend, nach zwei 20 Zentimeter langen Teilen grabschen ("Liebesstöckchen"), die ein Priester ihnen zuwirft. Da fragt ein Jahr lang keiner mehr nach der Frisur.

Ich erinnere mich auch gerne an das Bild von bald Ex-Daimler-Vorstand Zetsche mit Ex-Gouverneur Schwarzenegger, beide unter einem Stetson verpackt, dazu der Oberlippenbart beziehungsweise die freigelegte Beißkante, also volle Kachelfront, da bleibt einem jede Überlegung zur Frisur im Halse stecken. Hüte sind immer eine gute Wahl. Man muss nur mal alte Filme sehen. Schwarze Serie, Here’s looking at you. Einfaches In-die-Augen-Schauen. Der Rest ist egal oder ergibt sich.