Mathematik und Vorstellung hieß das Buch, in dem Edward Kasner 1938 eine fantastische Zahl auf einen Fantasienamen taufte: "Googol". So bezeichnete der Mathematiker eine Eins mit hundert Nullen – oder, wie seine Kollegen korrekt notieren würden: 10¹⁰⁰.

Urheber des Begriffs war aber gar nicht Kasner, sondern sein Neffe Milton. Der Mathematiker hatte den damals Neunjährigen gebeten, sich ein Wort für das Hundertnullenmonster auszudenken. Die Kinderidee entfaltete durch das Buch weltweite Wirkung. Und als 60 Jahre später zwei andere Wunderkinder, nämlich Larry Page und Sergej Brin, ihr Start-up tauften, nannten sie es als Anspielung auf das Googol: Google.

Auch in der Welt der Zahlen sind Wörter wichtig. Wehe, wenn sie den Mathematikern ausgehen! Darum müssen die sich jetzt dringend neue ausdenken.

"Metrische Präfixe für extreme Zahlen gesucht", meldete das Wissenschaftsmagazin Science in der vergangenen Woche. Ein Präfix, das ist so etwas wie der Vorname für eine Maßeinheit (so wie "Kilo", welches aus tausend Gramm ein "Kilogramm" macht). Und das Attribut "extrem" ist nun wirklich nicht untertrieben: geht es doch um Zahlen mit 27 und mehr Nullen.

Über einen ganzen Zoo von Präfixen verfügt das internationale Einheitensystem (SI), das Wörterbuch des Zählens und Messens: angefangen beim Kilo, das für noch überschaubare drei Nullen, also 10³, steht, über Mega, Giga und Tera, die man alle noch aus der Welt der Speicherchips und Festplatten kennt, zu Peta, Exa und Zetta – bis hin zum Yotta (10²⁴). Jenseits dessen aber fehlen den Mathematikern die Präfixe, um ausufernde Größenordnungen sprachlich zu kompaktieren. Nicht besser sieht es am gegenüberliegenden Ende aus, da bezeichnet der Vorsatz Yocto Zahlen mit 24 Stellen hinter dem Komma (10-24). 0,26 Yoctosekunden ist übrigens die mittlere Lebensdauer des Z-Bosons, eines Elementarteilchens. Auch unterhalb von Yocto fehlen den Mathematikern die Worte. Dabei wächst der Bedarf, etwa in der Informationstechnik und der Quantenphysik.

Im Jahr 2010 hatte ein Student per Facebook ein neues Präfix für den Wert 10²⁷ propagiert: "Hella" – eine Verballhornung des englischen hell of a lot, höllisch viel. Das gab viele Likes, wurde aber nie offiziell. Denn über die Ordnung der Maße und Zahlen herrscht streng das Bureau international des poids et mesures (BIPM) in Sèvres bei Paris. Es ist die höchste Autorität in der Hilfswissenschaft des Messens, der Metrologie. Gerade hat das BIPM das Kilogramm neu definiert. Wer etwas am SI ändern will, und sei es nur ein Präfix, der muss das BIPM überzeugen.

Der britische Metrologe Richard Brown hat genau das vor, bis im Jahr 2022 die nächste Generalversammlung zusammentritt. Im Januar sinnierte Brown im Zentralorgan seiner Zunft, dem Journal Measurement (zu Deutsch: Messung), "über die Natur der SI-Präfixe und die Notwendigkeit zur Erweiterung ihres Umfangs". Brown konstatiert ein "klares, drängendes Bedürfnis" und schlägt vor: "Ronna" und "Quecca" sollten künftig für 10²⁷ und 10³⁰ verwendet werden, "Ronto" und "Quecto" für 10-²⁷ und 10-³⁰. Auf Rückfrage erklärt Brown, andernfalls bestehe die "Gefahr, dass stattdessen inoffizielle Einheiten benutzt werden, was Verwirrung zwischen den Forschungsdisziplinen stiften kann".

Hergeleitet hat er Ronna, Quecca, Ronto und Quecto aus den lateinischen und griechischen Wortstämmen für neun und zehn. Allerdings, wie Science höflich umschreibt, "mit einiger dichterischer Freiheit". Man könnte auch sagen: mit so viel poetischem Pragmatismus, dass man weder novem und ennéa (neun) noch decem und déka (zehn) darin erkennt.

Aber dass ein wenig Fantasie für ein Zahlwort wichtiger sein kann als etymologische Konsistenz, davon zeugte ja schon das Googol.