DIE ZEIT: Herr Schindhelm, Sie sind Filmemacher, Schriftsteller, Kulturmanager – und der Mann, der als Kurator dafür sorgen soll, dass Dresden 2025 Europas Kulturhauptstadt wird. Ist Pegida nützlich oder schädlich für diese Bewerbung?

Michael Schindhelm: Wenn ich etwas polemisch sein darf: Ohne Pegida hätte mich diese Aufgabe vielleicht gar nicht interessiert. Dresden ist immer eine Kulturstadt von großer internationaler Bedeutung gewesen. Aber als Bewerberstadt für so einen Titel wird der Ort doch gerade in der gesellschaftlichen Krise relevant.

ZEIT: Warum?

Schindhelm: Weil Dresden die europäische Stadt unterm Brennglas ist. Wir erleben zurzeit ja nicht nur eine Dresdner Krise, sondern eine europäische. Überall sind die Gesellschaften in Aufruhr, aber hier, in Ostdeutschland, tritt es besonders deutlich zutage. Ich stamme selbst aus dem Osten, aber habe nach 1990 die meiste Zeit außerhalb Deutschlands verbracht. Ich habe in Frankreich gelebt, als der Front National stärker wurde. Ich habe in London erlebt, wie sich der Brexit anbahnte. Und in Rom war ich in Berlusconis letzten Amtsjahren. Die Frage, ob Europa aufbricht oder zusammenbricht – in Dresden ist sie greifbar.

ZEIT: Woran liegt das, Ihrer Meinung nach?

Schindhelm: Es gibt in Dresden eine doppelte europäische Identität: Die Stadt gehört zur Bundesrepublik, ihre Bewohner sind Bürger eines alten EU-Landes, aber auch Bürger eines neuen EU-Landes. Sie leben zwischen Osten und Westen, mitten in Europa, mit diesem unglaublichen Bruch 1989/90.

ZEIT: Können Sie die gesellschaftliche Aufwallung verstehen, die wir in Ostdeutschland erleben? Verstehen Sie Pegida?

Schindhelm: Ich habe mir Pegida natürlich sofort angeschaut, und es hat mich nicht überrascht, nicht einmal erschüttert, dass es das gibt. Nicht weil ich es banal oder gar akzeptabel fände. Sondern weil es einer unheimlichen Logik folgt: Pegida spitzt eine allgemeine Verunsicherung zu. Die Frage, wo man hingehört in dieser Welt, ist überall relevant geworden, aber in Ostdeutschland eben besonders. Wir haben unser Motto für die Kulturhauptstadtbewerbung gerade beschlossen: "Neue Heimat Dresden 2025". Es geht also darum, was Heimat eigentlich bedeutet in diesen Tagen. Was das Gemeinstiftende ist in Zeiten, in denen sich durch Migration, Digitalisierung, Globalisierung alles verändert.

ZEIT: Das Motto "Neue Heimat Dresden" wird kontrovers diskutiert. Manche finden, man erkläre Pegida damit geradezu zum Standortvorteil.

Schindhelm: Man hätte eigentlich schon 1990 ein Heimatministerium gebraucht – um ein gemeinsames Deutschland kulturell entstehen zu lassen. Stattdessen hat man im linksliberalen Mainstream zu lange den Heimatbegriff auch denen überlassen, die ihn für populistische Zwecke manipulieren wollten. Nun haben wir die Heimatdebatte von einer Seite bekommen, von der wir sie uns nicht wünschen konnten. Die Konsequenz muss sein, dass wir selbst den Begriff Heimat besetzen, ihn denen aus der Hand nehmen, die damit Schindluder treiben wollen. Aber die Dresdner diskutieren überhaupt sehr kontrovers, das ist wunderbar an dieser Stadt, das macht sie besonders. Und es gibt auch Kritik von der anderen Seite.

ZEIT: Die da wäre?

Schindhelm: Es gibt Dresdner, die fragen: Wieso sollten wir überhaupt Kulturhauptstadt werden? Wir sind doch sowieso Kulturhauptstadt! Es ist doch unter unserer Würde, sich mit den ganzen anderen langweiligen Städten zu messen!

ZEIT: Dass 2025 eine deutsche Stadt gekürt wird, steht bereits fest, weil jedes Jahr ein anderes Land an der Reihe ist. Neben Dresden bewerben sich unter anderem auch Hildesheim, Magdeburg, Chemnitz und Zittau.

Schindhelm: Was manche Dresdner im Kern auszeichnet, um es freundlich zu sagen, ist eine gewisse Selbstsicherheit in Fragen des kulturellen Rangs. Dass die Stadt auch innerhalb des Ostens noch mal ein Spezialfall ist, war mir immer klar. Ich war in den Sechzigern schon in Dresden, als Kind bin ich in Lederhosen durch die Ruinen gelaufen. Die barocke Vergangenheit, die Zerstörung, der Wiederaufbau – das hat sich alles eingegraben in die Seele der Stadt. Für manche Dresdner ist die Heimat, die sie sehen, gar nicht das Dresden von heute.

ZEIT: Sondern das, das es nicht mehr gibt?

Schindhelm: Eine Mischung. Eine Stadt der Fantasie und der Erinnerung, der Fiktion und der Abstraktion. Ein idealisierter Ort. Man merkt in den Debatten, dass gerade ältere Menschen einerseits ihr Dresden verteidigen – und andererseits auch Leuten, die ebenfalls ihre Meinung sagen, entgegnen: Ihr kennt das ja alles gar nicht! Ihr wart ja gar nicht dabei! Als sei das alte Dresden ein heiliger Gral, nur zugänglich für jene, die die Zerstörung noch selbst gesehen haben. Alles, was hinzugekommen ist, wird dann als Provokation und Infragestellen des Ideals betrachtet.