Jetzt versammeln sich die katholischen Bischöfe der Welt in Rom, um eine Krise zu managen, deren Existenz sie lange nicht wahrhaben wollten. Einige leugnen sie immer noch, und unter diesen wird der Geist des in Ungnade gefallenen Bischofs von Boston, Bernard Francis Law, schamlos umherwandeln.

Es war Law, den Papst Johannes Paul II. im Dezember 2002 zum Amtsverzicht zwang, zehn Monate nach den schockierenden Enthüllungen des Spotlight-Investigativteams, das ich damals beim Boston Globe leitete. Wir brachten Dokumente ans Licht, die bewiesen, dass Law und eine Schar Untergebener die Verbrechen einer großen Zahl von Sexualstraftätern unter den Priestern seines Bistums gezielt vertuscht hatten. Hätten die Kleriker nicht verschleiert und dadurch weitere Verbrechen ermöglicht, wäre Hunderten von Kindern sexuelle Gewalt erspart geblieben, die ihre jungen Leben vergiftete.

Als die Staatsanwaltschaft im Jahr 2003 die Erzdiözese Boston 2003 zwang, reinen Tisch zu machen, wurden erschütternde Zahlen publik: Fast 250 Priester hatten Kinder vergewaltigt und sexuell missbraucht, darunter sogar Vierjährige. Bei mindestens zwei Priestern war von jeweils über hundert Opfern auszugehen. Zehn Prozent aller Geistlichen wurde glaubwürdig sexuelle Nötigung zur Last gelegt. Und die Kirche ließ es geschehen.

Damals wollten Katholiken auf der ganzen Welt noch verzweifelt glauben, Boston sei ein Einzelfall. Law wurde als eine schändliche Ausnahme gebrandmarkt, und die Kirchenführung war erleichtert über diese Deutung. Dabei war Law alles andere als ein Einzelfall.

In den vergangenen 17 Jahren wurde immer deutlicher, dass Law sich einzig und allein dadurch von seinen Amtsbrüdern unterschied – von denen etliche in dieser Woche im Vatikan versammelt sind –, dass er die Konsequenzen seines Handelns trug. Er kassierte die Kugel für das Team. Denn Law, der vor 15 Monaten gestorben ist, hatte nicht mehr verbrochen als die meisten seiner Kollegen. Sein Fehler bestand darin, dass er erwischt wurde.

Law zu entlarven und die Verbrechen der Kirche aufzudecken war ein schwieriges Unterfangen. Zunächst einmal gab es keine Akten, die die Verbrechen dokumentiert hätten, nur Gerüchte. Wir begannen am 30. Juli 2001, unsere Recherchen über einen bestimmten Priester anzustellen, erfuhren aber rasch von Opfern, dass es vielleicht ein Dutzend weiterer Missbrauchstäter gab, deren Verbrechen verheimlicht wurden. Als wir dann im Januar 2002 den ersten von insgesamt 900 Berichten veröffentlichten, hatten wir bereits über 100 Priestertäter identifiziert, mussten aber von einer noch höheren Dunkelziffer ausgehen. In Boston wussten nur die wenigsten von solchen Verbrechen. Und die meisten von ihnen hatten zu viel Angst vor der Kirche, um den Mund aufzumachen. Dokumentiert wurde wenig. Die vorhandenen Akten waren zumeist bei katholischen Richtern unter Verschluss. Kirchenvertreter weigerten sich, unsere Fragen zu beantworten. Und Kardinal Law sandte uns im letzten Moment eine Nachricht: Er wollte noch nicht einmal wissen, welche Fragen der Globe nun an ihn hatte.

Der Schaden ist unermesslich. Allein in der Erzdiözese Boston mit ihren zwei Millionen Kirchenmitgliedern haben sich 1.705 Opfer zu erkennen gegeben, und das ist nach Meinung von Experten wohl nur der kleinere Teil. Rechnet man die Bostoner Zahlen auf die katholische Kirche in den Vereinigten Staaten hoch, so liegt die Opferzahl in den USA bei mindestens 62.000, vermutlich sind es aber viel mehr, da sich die meisten Opfer nie gemeldet haben.

Angesichts dieses düsteren Hintergrunds steht Papst Franziskus vor einer fast unlösbaren Aufgabe. Sie ist doppelter Natur. Erstens muss er die skeptischen und änderungsunwilligen Bischöfe überzeugen, den Missbrauch zu beenden, sein Ausmaß zu offenbaren und schuldige Bischöfe zur Rechenschaft zu ziehen. Zweitens muss er die römisch-katholische Kirche retten. Nicht weniger als ihr Überleben zumindest in den Industrieländern steht auf dem Spiel. Scheitert Franziskus an der ersten Herausforderung, braucht er sich der zweiten gar nicht mehr zu stellen. Leider stehen die Chancen schlecht. Der Papst selbst hat deshalb die Erwartungen gedämpft.