Ich fahre hin

Denn es geht um die Kirche als Ganzes. Als Betroffener will ich, dass der Staat den Bischöfen nicht länger blind vertraut.  Von Matthias Katsch

Ich bin kein Bischof, aber ich fahre nach Rom, damit die Opfer der katholischen Kirche gehört und gesehen werden – und damit sich etwas in der Kirche verändert. Denn wir, die Opfer, wurden bisher nicht angemessen einbezogen. Sogar bei der Vorbereitung dieses Gipfels sind die meisten von uns übergangen worden.

Warum das so ist? Wir haben uns organisiert, wir sind heute laut, wir stellen Forderungen und verlangen Gerechtigkeit. Das ist unbequem. Denn wir wollen dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der katholischen Kirche überall auf der Welt sicherer sind. Ohne den langen Atem jener Männer und Frauen, denen einst Gewalt angetan wurde und von denen viele Aktivisten geworden sind, wäre das ganze Ausmaß der Verbrechen in der Kirche bis heute nicht aufgedeckt worden.

Matthias Katsch, 63, erlitt als Schüler sexuelle Gewalt. © Gordon Welters für DIE ZEIT

Zunächst haben sich die Opfer in Irland und den USA organisiert, dann in Deutschland, Polen, Italien. Aber von den Kirchenhierarchen werden wir, werden Opfervertreter wie ich nicht eingeladen, weder bei Papstbesuchen in unseren Ländern noch zu dem jetzigen Gipfel, obwohl es um die Verbrechen gehen soll, die an uns verübt wurden.

Also fahren wir ohne Einladung nach Rom. Seitdem wir uns vernetzen, erleben wir, wie wirksam so etwas sein kann. In Santiago de Chile hatten im Januar 2018 ein Dutzend Aktivisten aus Europa, den USA und Lateinamerika während des Papstbesuchs den chilenischen Opfergruppen geholfen. Sie lenkten den Blick der Weltöffentlichkeit auf das Versagen des argentinischen Papstes im Umgang mit Kindesmissbrauch. Für Franziskus war es der Auftakt zu einem annus horribilis, in dem er sich mehrfach entschuldigen musste und an dessen Ende endgültig klar geworden ist: Es geht nicht um eine schier endlose Kette nationaler Skandale – sondern um die Kirche als Ganzes.

Vor zwanzig Jahren war der deutsche Kardinal Lehmann noch überzeugt, Missbrauch wie in Boston und anderswo in den USA, das sei in Deutschland kein Thema. Bis heute steht der Kardinaldekan Sodano an der Spitze des Kardinalskollegiums. Er trug einst Mitverantwortung für Bischofsernennungen in Chile, wo 2018 erstmals eine Bischofskonferenz wegen Vertuschung kollektiv ihren Rücktritt erklären musste. Er war es auch, der seine schützende Hand über den Erz-Missbrauchstäter Marcial Maciel aus Mexiko hielt, weil dessen Legionäre Christi die richtige, konservative Haltung mitbrachten.

Daneben gibt es immer noch Länder, in denen Kritik an der Kirche kaum möglich und Sexualität ein Tabu ist. Auch darüber wollen wir in Rom aufklären, gerade mit Blick auf Afrika. Opfervertreter aus Uganda und dem Kongo sind dabei.

Niemand erhofft vom Missbrauchsgipfel Wunder. Aber die katholische Kirche muss anerkennen, dass sie als Institution ein Problem hat. Und sie muss glaubhafte Schritte gegen Missbrauch unternehmen. Kinderschutz soll im Kirchenrecht verankert werden. Kinder zu missbrauchen darf nicht einfach ein Verstoß gegen den Zölibat sein, es muss als Verbrechen benannt werden. Sowohl der Täter soll sein Amt in der Kirche verlieren als auch sein Vorgesetzter, wenn dieser das Verbrechen zu vertuschen versucht hat. Staat und Gesellschaft müssen die Kirche daran messen, ob sie ihr Möglichstes tut, um eine Gefährdung von Kindern zu verhindern. Bleiben da Zweifel, muss der Staat aufhören, weite Teile seines Sozialsystems und des Bildungswesens in die Hand der Kirche zu geben.

Es steht also viel auf dem Spiel in Rom. Die Betroffenen gehen dabei den leichteren Weg als die Bischöfe: weil die Welt ihnen inzwischen zuhört und ihnen glaubt.