Ein Teller Spaghetti © Maurizio di Iorio für DIE ZEIT

Wir fingen also an, massenhaft Salat und Hühnerbrüste in uns reinzustopfen. Dazu gingen wir trainieren wie die Blöden. Im Nachhinein muss ich sagen, dass es verschwendete Jahre waren. Die Partys wurden dadurch nicht besser, meine Schulter tut noch heute weh, und mehr Sex hat auch niemand, nur weil er keine Pasta isst.

Nudelverzicht aus Eitelkeit: Das bringt doch nichts.

Und wenn wir ehrlich sind, geht es den Low-Carb-Anhängern doch nicht zuerst um die Gesundheit – sondern ums Gut-Aussehen und ums Dünnerwerden. Deswegen ist Low Carb so beliebt. Weil es so verdammt leicht ist, damit abzunehmen. Man enthält dem Körper die einfachste Energiequelle vor, und er baut schnell Fett ab. Und schon sieht man nackt viel besser aus.

Lassen Sie mich nur zur Sicherheit erwähnen, dass ich hier nicht aus Unzufriedenheit über mein Gewicht schreibe. Ich bin sehr schlank. Idealgewicht, würde ich sagen. Und sportlich. Bei mir im Ressort sehe ich von allen am besten aus.

Auch deshalb habe ich beim nächsten großen Ding nicht mehr mitgemacht, bei der Paläo-Diät. Die soll der Ernährung von vor mehr als 20.000 Jahren nachempfunden sein, als wir noch Jäger und Sammler waren und vom Ackerbau nichts wussten. Kohlenhydrate sind hier nicht total tabu, das muss man fairerweise sagen. Alles, was unsere Steinzeit-Vorfahren sammeln und pflücken konnten, ist okay. Nur Getreide nicht. Also Nudeln.

Dann kam die Keto-Diät, deren Ziel es ist, durch viel Fett und wenig Carbs den Körper in einen Stoffwechselzustand namens Ketose zu versetzen. Oder wie es im Netz heißt: "Der natürliche Stoffwechsel unserer Vorfahren." Ob man den erreicht, ist übrigens schwer festzustellen, weswegen Anhänger dieses Programms regelmäßig Urintests machen, die sie online bestellen.

Gemein ist diesen kohlenhydratarmen Diäten, oder zumindest der Art, wie ihre Anhänger über sie sprechen, also folgender Gedanke: Früher, vor dem Ackerbau, prä-Nudel sozusagen, sei alles besser gewesen.

Den historisch-ideologischen Überbau für diese anstrengende Weltsicht kann man unter anderem in Yuval Noah Hararis Eine kurze Geschichte der Menschheit nachlesen. Harari erzählt die Beziehung zwischen Menschen (Hauptnudelkonsument) und Weizen (Hauptnudelbestandteil) nämlich so: Als Jäger und Sammler sei der Mensch glücklich gewesen, gesund, groß, stark. Durch die Erfindung des Ackerbaus allerdings fing er an, auf Feldern zu schuften und in der Pause eklige Getreide-Pampe zu essen – bis er starb.

Nudelverzicht aus Eitelkeit: Das bringt doch nichts

Und weil immer neue Arbeitskraft gebraucht wurde und immer mehr Nahrung zur Verfügung stand, bekamen die Leute immer mehr Kinder. Und weil es so viele Menschen gab, bildeten sich Eliten heraus, was zu Ungleichheit führte. Die landwirtschaftliche Revolution, so Harari, sei für den einzelnen Menschen letztlich eine brutale Niederlage.

Hier steckt im Grunde alles drin, was die Low-Carb-Paläo-Keto-Diäten so mit sich rumschleppen. Das moderne Leben ist demnach nur erträglich, wenn man den inneren Jäger und Sammler beschwört.

Was natürlich total falsch ist.

Das moderne Leben ist nämlich eben nur erträglich, weil es Pasta (und seine Cousins Pizza und Bier) gibt. Ein Teller Spaghetti ist nicht die Ursache unseres Leids – sondern seine Linderung, zumindest wenn sie richtig zubereitet sind. (Bitte mischen Sie die Nudeln und die Soße zuerst und servieren dann. Nicht auf dem Teller!)

Als ich das letzte Mal nachgeguckt habe, war ich kein Jäger und Sammler und vor meinem Fenster auch keine Steppe, sondern eine Zwei-Millionen-Stadt mit hoher Feinstaubbelastung und elf islamistischen Gefährdern. Wieso soll das angenehmer sein, weil ich mittags nicht mit meinem Lieblingskollegen zum Italiener um die Ecke namens Il Cappuccino gehe und einen Teller Penne Rosa esse? Die Portionen sind immer zu groß, und ich esse immer auf.

Und wenn ich dort sitze, bin ich bereits so weit entfernt von den Lebensbedingungen meiner jagenden und sammelnden Ahnen, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, als die Wartezeit auf meine Pasta mit einer Attacke auf den Brotkorb zu verbringen.

Verstehen Sie: Es ist zu spät. Wir leben schon in der Zivilisation. In einer Welt, in der man in Restaurants isst, muss es Brotkörbe geben. Alles andere wäre kontraevolutionär.

Und wenn ich einen richtig harten Tag im Büro hatte, weil die Kollegen nerven oder ich einen Text über Nudeln schreiben soll, dann gehe ich abends noch ein Bier trinken, was ja, wie jeder weiß, nur flüssige Pasta ist – und wenn es kalt den Rachen runterläuft, mein Bauch immer voller wird und meine Nase langsam beginnt, anzuschwellen, weil ich wahrscheinlich eine Hopfenallergie habe, dann fühlt sich das eben richtig an, auch wenn es sich irgendwie sehr ungesund anhört.

Sollten Sie gerade also überlegen, Ihre Ernährung umzustellen, und unsicher sein, was denn nun richtig ist, denken Sie daran: Die Studien widersprechen sich sowieso alle. Hören Sie auf Ihren Bauch.

Nudeln sind super.

Sie schmecken mit fast allem.

Sind preiswert.

Leicht zu bekommen.

Sie sind einfach zu machen und noch leichter zu teilen. Ein paar Spaghetti, Wasser, ein paar Tomaten aus der Dose, bisschen Käse: das bestmögliche Gericht mit dem geringstmöglichen Aufwand.

Das perfekte Essen für eine zivilisierte Welt.