Die volle Strahlung: Szene aus einem Projekt des Künstlerinnenkollektivs VNS Matrix © Abb.: VNS Matrix, "DNA Sluts battle Circuit Boy" from "All New Gen" CDROM, digital image, 1993. Courtesy the artists

Es ist doch verblüffend, wie stark die Geschichte der Moderne ihre Betriebsgeschwindigkeit hat erhöhen können. Noch in den Neunziger- und frühen Nullerjahren war der Cyberfeminismus eine eminent neue, verheißungsvolle Bewegung im Niemandsland zwischen Kunst und Theorie. Die mit ihr verbundene Hoffnung war mannigfaltig und durchweg groß. Neue Technologien wie das Internet sollten maskulinistische Herrschaft brechen, die alten Identitäten auflösen, die Allianz von Patriarchat und Kapitalismus durchkreuzen. Eine der wichtigsten Stichwortgeberinnen des Cyberfeminismus, die Autorin Donna Haraway, proklamierte: "Ich wäre lieber Cyborg als Göttin." Und heute? Klebt bereits das notorische "Post" vor dem Cyberfeminismus. So auch in der Zürcher Ausstellung Producing Futures – An Exhibition on Post-Cyber-Feminisms.

Wie schon für die Postmoderne-Diskussion der 1980er-Jahre gilt im Zürich des Jahres 2019 jedoch: "Post" ist nicht gleich "zu Ende". Die Kuratorin Heike Munder schlägt vielmehr einen Bogen von frühen cyberfeministischen Künstlerinnen wie Lynn Hershman Leeson und VNS Matrix zu ihren jüngeren Nachfolger*innen, darunter Mary Maggic, Shana Moulton, Anna Uddenberg und Anicka Yi. Traditionelle Gemälde findet man in der über zwei Stockwerke verteilten Ausstellung keine. Zu sehr ist diese Gattung aus Sicht der fünfzehn Beteiligten mit dem Mythos des männlichen Genies und kapitalistischer Warenförmigkeit verbunden. Stattdessen dominieren hybride Installationen, Plastiken und textlastige Bewegtbildarbeiten.

Demonstrativ überlagert Hershman Leeson in ihrer Serie Digital Venus (1996) die nackten Körper traditioneller Venus-Darstellungen mit Platinenmustern. Daneben hängt die Text-Bild-Collage Cyberfeminist Manifesto for the 21st Century (1991) der australischen Gruppe VNS Matrix: "The clitoris is a direct line to the matrix." Während Cao Fei mit ihrem Avatar durch die Internetwelt von Second Life spaziert und mit anderen Avataren diskurriert (2007), will Mary Maggic queeren Menschen zu "Agency" über ihre Hormonhaushalte verhelfen, indem sie Instrumente zur Extraktion von Sexualhormonen zur Verfügung stellt. Debatten über Potenziale und Grenzen von Selbstwahl und Selbstformung erhalten hier neue Nahrung. Auffällig ist, dass es in der Ausstellung eher monogeschlechtlich zugeht. Zwar sind neben weiblichen auch Transgender-Künstler*innen wie Juliana Huxtable vertreten, doch es gibt heute durchaus männliche Künstler wie Georges Jacotey, die dem Spektrum des Post-Cyberfeminismus zugeordnet werden können.

In gewisser Hinsicht haben sich die Hoffnungen des Cyberfeminismus erfüllt – die postindustriellen Arbeitswelten brauchen keine Macho-Berserker mehr, Kultur und Natur sind spätestens mit der Gentechnik ineinander übergegangen, über Gender wird intensiv debattiert. Doch der Wandel vollzieht sich als List der Unvernunft.

Nach der euphorischen Identitätszerstäubungsphase feiert das Begehren nach Identität fröhliche Urständ, sogar in queeren Subkulturen. Von der Möglichkeit, sich im Cyberspace einen Avatar zu erschaffen, profitieren auch anonym hetzende Trolle. Und wenn die Existenz zum Experiment wird, kann eben auch ein Geschöpf wie Donald J. Trump dabei herauskommen. Bezeichnenderweise ist aus Nick Land, dem früheren Mitstreiter der Cyberfeminismus-Wegbereiterin Sadie Plant, ein Einflüsterer der Neuen Rechten geworden.

So zeigt diese Ausstellung zuvorderst, dass von Technologien alles und nichts zu erwarten ist. Mit einem Wort des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen ist gerade das Internet "ungemein plastisch". Es kann den Anliegen der Progressiven, der Konservativen wie auch der Regressiven dienen. Immerhin übersetzt keine der Arbeiten aus Producing Futures ihre Utopien in naive Erbaulichkeitssästhetik. Hier gibt es keine klare, helle Stimme, die von der besseren Zukunft kündet. Die Anliegen des Cyberfeminismus und seiner Post-Varianten artikulieren sich vielmehr in trashiger, ironischer, fragmentierter, widersprüchlicher und wunderlicher Form, etwa in Anicka Yis Installationen, in denen unter anderem Stahlrohre, Mundwasser, Plastikflaschen, Socken, Hydrogel-Perlen, Schwarztee, Plastikeimer, Seetang und eine Garnele zum Einsatz kommen.

Mary Maggic wiederum eignet sich in ihrem Kurzfilm Housewives Making Drugs (2017) die schrille Ästhetik von Kochsendungen, Reality-TV und Teleshopping-Kanälen an. Es sind diese verqueren Manöver an den Grenzen des ästhetisch Konformen, ja Erträglichen, die den Cyberfeminismus bis heute interessant machen – weniger die hochfliegenden Theorien und Diskurse, die noch jeden Ismus begleitet haben.

Bis zum 12. Mai im Migros Museum, Zürich