DIE ZEIT: Wider die Rückkehr des Nationalismus lautet der Untertitel Ihres Buches Zur rechten Zeit über rechte Strömungen in Deutschland. War der Nationalismus nach 1945 denn jemals weg?

Norbert Frei: Eigentlich nicht. Es gab immer wieder Versuche, ihn in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Der jüngste Vorstoß aber hat eine neue Qualität. Zum ersten Mal hat es eine rechte Partei in den Bundestag geschafft – wenn man von den verstreuten Rechten absieht, die dort in den Anfangsjahren der Bundesrepublik saßen.

Christina Morina: Viele haben ja bis vor Kurzem geglaubt, das Thema sei erledigt. Womöglich war die Selbstsicherheit zu groß.

ZEIT: Hat der Erfolg der AfD auch die Historiker kalt erwischt?

"Zur rechten Zeit – Wider die Rückkehr des Nationalismus" ist eine Gemeinschaftsarbeit von Norbert Frei, Franka Maubach und Maik Tändler (Universität Jena) sowie Christina Morina (Amsterdam, 2. v. r.). Das Buch erscheint dieser Tage im Ullstein Verlag (254 S., 20,– €). © Dorothee Rietz/Ullstein Buchverlage

Franka Maubach: Zumindest hatten sie die rechten Konjunkturen nicht ausreichend im Blick.

Frei: Vielleicht auch, weil wir uns zu sehr auf der Erzählung von der Bundesrepublik als liberaler success story ausgeruht haben. Früher hatte mancher noch ein Fragezeichen hinter Fritz René Allemanns Diktum "Bonn ist nicht Weimar" gesetzt. Dieses Fragezeichen verlor sich nach 1990. Dadurch sind viele Forschungsfragen verschüttet worden.

ZEIT: Unter welchen Bedingungen hatten rechte Bewegungen in der Bundesrepublik Erfolg?

Maik Tändler: Die erste größere Welle löste die NPD aus. Zwischen 1966 und 1968 zog sie in sieben Landesparlamente ein. Damals bekam der Wirtschaftswunder-Aufschwung eine erste Delle. Zeitgleich begann eine Debatte über die "Gastarbeiter", die man seit den Fünfzigerjahren angeworben hatte. Wenn Rechte zuvor von "Überfremdung" sprachen, meinten sie meist die "Fremdbestimmung" durch die Siegermächte. Die NPD bezog den Begriff erstmals auf Einwanderer.

ZEIT: 1966, als die Erfolgssträhne der Partei begann, war auch "68" längst im Gange ...

Tändler: Das spielte sicherlich eine Rolle. Die NPD versprach, Sitte und Anstand wiederherzustellen. Etwas später aber wollte vor allem der Parteinachwuchs auch vom "Feind" lernen – bis heute greift die Neue Rechte auf 68er-Vokabeln zurück, von der "Alternative" bis zur "subversiven Aktion". Noch wichtiger war jedoch die Tatsache, dass eine große Koalition regierte. Durch die Annäherung der Volksparteien wurde an den Rändern Platz frei.

ZEIT: Weshalb ist es der NPD 1969 nicht gelungen, in den Bundestag einzuziehen?

Tändler: Weil sich vieles, was ihr Auftrieb verschafft hatte, wieder erledigte. Die Wirtschaft erholte sich, und schon vor der Wahl zeichnete sich ab, dass Union und SPD ihre Koalition nicht fortführen würden. Vor allem aber hatte die NPD die Extremisten in ihren Reihen zu wenig unter Kontrolle. Dass der "Ordnungsdienst" der Partei immer wieder brutal auf politische Gegner einschlug, führte den Anspruch ad absurdum, eine bürgerliche Alternative zu sein. In den Landesparlamenten hatten die NPD-Abgeordneten zudem vorgeführt, wie ahnungslos sie in konkreten Sachfragen waren.

Frei: Man darf auch nicht vergessen: Die Bindekraft der Volksparteien war in den Sechzigern ungleich größer als heute. Wer stets christlich-konservativ gewählt hatte, wechselte nicht eben mal zur NPD. Das ist heute anders.

Morina: Der Glutkern rechter Politik ist dabei derselbe geblieben: die Sehnsucht nach nationaler Wiedergeburt. Lange Zeit ging das bis zur Holocaust-Leugnung. Nationalkonservative Töne aber waren in der alten Bundesrepublik auch aus der Union und der FDP zu hören. Und solange die Mauer stand, blieb auch die Linke für das nationale Pathos empfänglich. In diesem Klima konnten sich rechte Parteien nicht dauerhaft etablieren.

ZEIT: Stattdessen bildeten sich von den Siebzigerjahren an rechtsintellektuelle Zirkel und gewaltbereite rechtsradikale Gruppen – im Westen wie im Osten. Verband die beiden deutschen Staaten in dieser Hinsicht mehr, als sie trennte?

Maubach: Auch wenn die Ergebnisse sich ähnelten, war der Weg dorthin ein je eigener.

ZEIT: Was löste die neue rechte Konjunktur aus?

Maubach: Im Westen hatten der Modernisierungsschub durch "68" und die RAF ihren Anteil. Mit der Ölpreiskrise 1973 endete zudem der Nachkriegs-Boom. In der DDR wuchs die rechte Gewalt im Windschatten eines verordneten Antifaschismus, während chronischer Mangel die Unzufriedenheit schürte. Auf beiden Seiten prägte sich in den Achtzigern eine starke Fremdenfeindlichkeit aus. Im Westen richtete sie sich vor allem gegen Gastarbeiter und Flüchtlinge aus der Türkei, die in wachsender Zahl Asyl suchten, in der DDR gegen die Vertragsarbeiter aus den "sozialistischen Bruderstaaten" in Afrika und Asien.

Frei: In der Bundesrepublik gab es allerdings auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ausländerhass. Es entstanden Initiativen wie Pro Asyl, und Günter Wallraffs Buch Ganz unten von 1985 fand Millionen Leser. In der DDR hielt die Staatsführung das Problem unter dem Deckel.