In Rudi Assauers Welt, die voller Höhepunkte und Abstürze war, voller Siege und Niederlagen, gab es zwei Konstanten, die allen Schwankungen trotzten – die Birnen und die Pflaumen. Man könnte daraus eine mathematische Formel komponieren, eine Birnen-Pflaumen-Korrelation, aber wahrscheinlich hätte Assauer das für übertrieben gehalten. Wurde ihm damals, als Manager des FC Schalke 04, ein ihm unbekannter Mensch vorgestellt, fragte sich Assauer zuerst, ob der andere etwas von Fußball verstehe. Wenn nicht, dann war er für Assauer eine Pflaume. Danach wollte er herausfinden, ob dieser Mensch auf anderen Fachgebieten etwas in der Birne habe. Wenn ja, dann war diese Pflaume vielleicht gar nicht so übel. Wer allerdings gar nichts in der Birne hatte, der war mit Sicherheit eine Pflaume. Wollte Assauer jemanden für ein wichtiges Gremium des Vereins gewinnen, umwarb er ihn gern mit den Worten: "Wir brauchen Sie. Pflaumen haben wir schon genug."

Für Assauer zeigte sich die Unvollkommenheit der Welt darin, dass die Pflaumen den Birnen zahlenmäßig weit überlegen sind. Als er schließlich an Alzheimer erkrankte, sagte er einmal: "Ausgerechnet die Birne." Das war der Anfang vom Ende. 74 Jahre wurde er alt.

Während der Gedenkfeier am vergangenen Freitag in Gelsenkirchen fiel vor den 1.200 Trauergästen in der Kirche öfter der Name seines früheren Vereins, Borussia Dortmund, den viele Schalker Anhänger nicht mögen, manche verachten diesen Club. Aber diesmal traute sich kein Schalke-Fan zu buhen. Das lag an Assauer, der selbst nach seinem Tod noch etwas Seltenes besitzt: höchste Autorität.

Die Lücke, die ein Mensch hinterlässt, bemisst sich auch daran, welche Geheimnisse er mitnimmt, wenn er für immer geht. Zu den vielen unbeantworteten Fragen hat sich eine neue hinzugesellt: Wo genau wurde Rudi Assauer begraben? Das wissen nur die Töchter, die Schwester und einige enge Freunde. Irgendwo in der Ruhestätte Natur des Grafen Westerholt wurde er anonym beigesetzt, in einem Wald an der Stadtgrenze zu Gelsenkirchen. Immer wieder schleichen Menschen durch den Wald, suchen nach seinem Grab und finden es nicht. An keinem Baum hängt ein Hinweisschild, das ihn verrät. Rudi Assauer ist verschwunden.

Auf diesem Gelände lebten einst viele Tiere. Der Besitzer, Graf Westerholt, baute Ende der Sechzigerjahre einen eingezäunten Park mit frei laufenden Löwen, die man vom fahrenden Auto aus bewundern konnte. Der Park, der schon lange geschlossen ist, war damals eine Attraktion. Einige der jungen Löwen wurden vor einem Fußballspiel an Eisenketten in die Glückauf-Kampfbahn des FC Schalke geführt, damit der gegnerische Verein Borussia Dortmund erkannte, dass man sich zu wehren wisse. Während des Hinspiels hatten Schäferhunde der Dortmunder Anhänger Spieler des FC Schalke angegriffen.

Der Wald der Löwen ist ganz bestimmt ein Ort, der Assauer gefallen hätte. Er war ja selbst ein öffentlich bestauntes Raubtier, vor vielen Jahren, bevor ihn die Krankheit überfallen hat.

Er konnte selbstgerecht sein, launisch, unverschämt, herrisch. "Du bist eine Pflaume. Pass auf, dass du morgen nicht die Karten auf dem Parkplatz abreißen musst." Diesen Satz haben einige seiner Mitarbeiter oft gehört. Auf die Illusion vom widerspruchsfreien Leben verzichtete Assauer unbekümmert. Er besaß eine Gabe, die ihn von vielen anderen Managern unterschied. Für alles, das ihn umgab, fühlte er sich persönlich verantwortlich, und er war imstande, eine verfahrene Situation zu drehen. Als dem hoch verschuldeten FC Schalke im Jahr 1994 der Entzug der Lizenz drohte, reiste Assauer zu einer Krisenkonferenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Während einer Sitzungspause ging er mit dem DFB-Chef kurz auf die Toilette. Danach war die Lizenz gerettet – die größte Leistung seines Berufslebens, und das während einer Pinkelpause. Was hatte er dort besprochen? Auch das bleibt sein Geheimnis.

Assauer behandelte eine Putzfrau kaum anders als den Vorstand einer Bank. Er verteilte seinen Respekt nicht nach hierarchischen Unterschieden. Es konnte nämlich passieren, dass er den Banker für eine größere Pflaume hielt als die Putzfrau. So fragt man sich noch heute: Warum wurde Assauer vom Hof gejagt?

In den 13 Jahren seiner zweiten Schalker Amtszeit, die im Mai 2006 mit der Trennung von Assauer endete, holte die Mannschaft den Uefa-Cup, zweimal den DFB-Pokal, wurde (fast) deutscher Meister. In den 13 Jahren danach ist der FC Schalke einmal Pokalsieger geworden und hat ein paar Mal in der Champions League mitgespielt. War Assauers sportliche Bilanz so schlecht, dass er gehen musste? Unwahrscheinlich. Ließ er sich zu oft ein Bier einschenken? Unwahrscheinlich. An Biertheken hatte er sein halbes Leben verbracht, ohne den Verein zu vernachlässigen. Hatte ihn die Krankheit schon verändert? Unwahrscheinlich, das geschah erst später. Was dann?