Es gab keinen zweiten Schauspieler wie Bruno Ganz. Nicht einmal einen, der einem entfernt in den Sinn käme, wenn ich denn nach Vergleichen suchen wollte. Es gab einfach niemanden, der sowohl einen Schutzengel hätte darstellen können als auch Adolf Hitler. Der Mut, der Forschergeist, die Hingabe und Uneitelkeit, die es allein für diese beiden extremen Rollen brauchte! Diese Offenheit für die menschliche Seele: auf der einen Seite bedingungslose Liebesfähigkeit nachzuempfinden und auf der anderen totalen Hass. Und wenn ich mir die Gesamtheit von Brunos Rollen in Theater und Film vorstelle, wird mir schwindelig bei dem Gedanken, wie er sich in all diese Geister, Helden, einfachen Menschen oder Monster hineinversetzen konnte, von Faust und Hamlet über Prometheus bishin zu seiner letzten Rolle in Lars von Triers Horrorfilm The House That Jack Built.

Als er fünf Jahre nach unserem Film Der Himmel über Berlin für In weiter Ferne, so nah! wieder die Rolle des menschgewordenen Damiel übernahm, da spielte er auch die kurze Lebenserfahrung jenes auf die Erde gefallenen Engels mit, der nun Pizzabäcker war, Frau und Kind hatte, der über alle Backen strahlen konnte und seine neue Sterblichkeit aus ganzem Herzen lebte. Nie habe ich Lebensfreude so vor der Kamera gesehen. Wie er etwa seinen alten Freund Cassiel (Otto Sander), als dieser endlich ebenfalls den Sprung ins Leben gewagt hatte, zum ersten Mal als Mensch sieht, wie liebevoll er ihn in dieses neue Leben einführt! Keine Erfahrung oder noch so ferne Assoziation hätte ihn dazu führen können. Das hat er tatsächlich tief in sich gefunden oder erfunden.

Der amerikanische Freund

Ich weiß nicht, ob dieser Ausdruck passt, aber Bruno hatte eine schauspielerische Intelligenz, die seine Regisseure oder Kameramänner nur wahrnehmen und achten mussten und besser gar nicht erst zu manipulieren versuchten. Er war, scheint mir, in seinen Rollen autark. Nur einmal stieß er mit seinem Spiel auf einen, der eine ähnliche Selbstständigkeit hatte und sich dabei viele Freiheiten herausnahm, Dennis Hopper. Die erste Begegnung der beiden bei den Dreharbeiten von Der amerikanische Freund war ein Fiasko. Da prallten zwei so grundverschiedene Ansätze gegeneinander, dass es gleich am zweiten Tag zu einer Schlägerei kam. Hier der geschulte method actor, der mit einer gehörigen Portion amerikanischer Unverfrorenheit (recklessness ist das bessere Wort) jeden Take anders spielte, immer auf Messers Schneide, wobei es ihm egal war, ob er den "Gegenspieler" damit provozierte. Und da der akribisch vorbereitete Präzisionskünstler, der aufs Äußerste disziplinierte und sensible Theaterschauspieler, der den bizarren Sprüngen seines Gegenübers allein schon sprachlich nicht gewachsen war – und dessen Verhalten unkollegial, ja verwerflich fand.

In dieser knallharten Konfrontation zweier Welten waren Brunos urplötzliche Ohrfeige und Dennis’ blitzartig folgender Kinnhaken praktisch eine logische Schlussfolgerung. (Auch wenn ich das so rabiat nicht hatte kommen sehen ...) Dieses Ereignis wäre kaum mehr als eine Anekdote, wenn die beiden nach dem wilden (und durchaus blutigen) Kampf nicht zusammen verschwunden wären, nur um nach einer durchzechten Nacht auf der Reeperbahn am nächsten Morgen als beste Freunde wieder zu erscheinen. Und selbst das wäre nur eine amüsante Story, wenn nicht Dennis von dieser Erfahrung mit Bruno Ganz zeit seines Lebens als "lebensrettend" gesprochen hätte und wenn nicht auch Bruno diese Situation in einem radikalen Lernprozess verarbeitet hätte. Er begriff sofort: Mit diesem Kontrastprogramm zu seinem eigenen Herangehen war dieser Amerikaner gleichzeitig unverschämt gut und brachte eine unerhörte Präsenz vor die Kamera, die auch Bruno erkunden wollte. Schon bald ließ er mit großer Lässigkeit die Proben sein, um sich dem nächsten Drehtag unvorbereitet zu stellen, während Dennis im Gegenzug die Drogen fahren ließ und abends an meine Tür klopfte, um sich auf den nächsten Tag vorzubereiten. Aus diesem gegenseitigen Respekt und dem damit verbundenen Voneinanderlernen entstand der Titel des Films, der sonst ganz anders geheißen hätte.

Bruno Ganz war ein Schauspieler und ein Mensch von großer Freiheit und Furchtlosigkeit. In jeder Rolle hat er uns an beidem teilhaben lassen, ob als Engel oder als Inkarnation des Bösen. Aber das zu tun, ohne seine Figuren zu kommentieren oder irgendwie zu bewerten, indem er sie nur geradezu bescheiden vor uns hinstellte und jedes Mal hinter die Rolle zurücktrat, war einzigartig. Du hast ein paar von uns zu besseren Regisseuren gemacht, Bruno, aber uns alle zu besseren Zuschauern, Träumern, Mitmenschen.