Ich bewundere Jens Spahn. Mit kaum nachlassender Tüchtigkeit weiß er sich immer wieder zielsicher mit frischen, gar ungewöhnlichen Vorschlägen ins politische Gespräch zu bringen und Probleme anzugehen. Manches davon findet meine Zustimmung, anderes wiederum überrascht mich eher: Kürzlich wollte er, Sie erinnern sich, allen betroffenen Patientinnen die Liposuktion auf Kassenkosten gewähren.

Aber erst jetzt bekommen die Frauen ihr Fett richtig weg: mit einer geplanten neuen Studie zu den möglichen psychischen Folgen einer Abtreibung. Per se ist gegen einen solchen Plan wenig einzuwenden. Doch der Preis lässt aufhorchen: Fünf Millionen Euro soll die Studie kosten – zweifellos eine Menge Geld. Vor allem Frauen hat dieses Vorhaben gegen Spahn aufgebracht. Aber geht es hier wirklich nur um die Frage, wie diese Gelder anders und nutzbringender einsetzbar wären? Ich glaube nicht.

In der jüngsten Kontroverse um den Paragrafen 219a und das Recht der Frauenärzte, über das Spektrum ihrer Leistungen zu informieren, war erneut festzustellen: Dies sind Diskussionen, die immer noch aufwühlen. Die nicht selten mit großer Härte geführt werden.

Wenn es aber über lange Zeit so schwer ist, bei einem Sachverhalt zu einer Entscheidung zu kommen, dann liegt das vielleicht auch daran, dass wir diese Diskussion auf der Grundlage eines einseitigen Menschenbildes führen, das sich bei uns festgesetzt hat.

Unabhängig davon, wie man sich die Welt wünscht, kann man die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass Frauen ungewollt schwanger werden und sich in bestimmten Lebenssituationen gegen das Mutterwerden entscheiden.

Deshalb halte ich es für richtig, dass Ärzte einen Abbruch vornehmen dürfen. Vor allem halte ich es für unabdingbar, dass es Ärzte sind – und keine Engelmacherinnen, Scharlatane oder gar die verzweifelten Frauen selbst.

Der großen Frage aber, ob und wann der Mensch überhaupt eine Schwangerschaft abbrechen darf, sollte man nicht nur mit einer politischen Antwort begegnen – schon gar nicht, wenn sie sich auf das Gerüst ausschließlich wissenschaftlicher Argumente zu stützen versucht.

Überlassen wir es deshalb besser nicht Wissenschaftlern allein, hier den Kurs zu bestimmen. Besonders hier müssten doch wirklich alle mit ans Pult: Frauen – natürlich, Künstlerinnen, Poeten, Kirchenvertreter, Erzieher, Unternehmerinnen, Großmütter, Urgroßmütter, Menschen, die sich vielleicht wie ich außerstande fühlen, eindeutig Position zu beziehen, aber sich zumindest sicher sind, dass kaum eine Frau leichtfertig mit der Entscheidung umgeht, ein Kind zu bekommen oder die Schwangerschaft abzubrechen. Vorher aber sollten wir etwas viel Wichtigeres klären. In einer Gesellschaft, in der viele von uns über alle Maßen froh sein können über das eigene Leben, weil es ermöglicht, begleitet, behütet und unterstützt wurde, in der aber eben längst noch nicht alle dies von sich behaupten können, muss eine viel drängendere Frage im Vordergrund stehen: Wie gelingt es uns, das Leben möglichst vieler Menschen lebenswert zu machen? Und genau hier kann die gesamtdeutsche Gesellschaft durchaus mit ostdeutscher Perspektive ihren Blick etwas weiten. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man die Mystifizierung der Elternschaft im öffentlichen Diskurs etwas herunterfährt? Das Projekt "Elternsein" nicht mit solch tonnenschweren Erwartungen an alle Beteiligten überfrachtet? Jungen Frauen die Frage "Mutter werden – ja oder nein?" nicht so kompliziert werden lässt?

Ich habe die journalistischen Artikel der vergangenen drei Jahrzehnte immer wieder mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen, in denen in variationsreichen Endlosschleifen dieselben Fragen gestellt wurden: Kind – ja/nein/vielleicht? Wieso und warum? Und vor allem: Wie viel kostet so ein Kind eigentlich?

Ganz ehrlich: Das kannte ich nicht. Das war meinem Denken fremd. Dass sich intelligente Menschen daran beteiligten, ohne Not die Sichtweise der ausschließlich am Nützlichkeits- und Zahlendenken ausgerichteten Denkstruktur des Utilitarismus zu übernehmen, ist für mich unerklärlich. Wem halfen solche Fragestellungen? Machten diese Debatten irgendwem Mut? Trugen sie etwas Neues zur Diskussion bei?

Man muss nur sich selbst oder das nächstbeste Familienmitglied fragen, um zu wissen: Ein Kind kostet dich Nerven, Schlaf, Geduld, vielleicht den Waschbrettbauch. Kohle auch. Natürlich. Es kriecht aber morgens in dein Bett und sagt: "Kann ich noch ein paar Minuten bei meiner knuddeligen Mama bleiben?", und springt am Nachmittag dem Vater, der es aus dem Kindergarten abholt, lachend in die Arme.

In diesem Moment, das müssen auch die kühlsten Rechner zur Kenntnis nehmen, bricht jede noch so ausgefeilte Kosten-Nutzen-Rechnung wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Ich denke, darauf sollten wir weitaus stärker setzen: auf eine kinderfreundliche und entsprechend finanzierte Gesellschaft, in der ein Kind nicht als Ersatz für die Selbstverwirklichung Erwachsener herhalten muss, sondern als selbstverständliches und willkommenes Mitglied unserer Gemeinschaft gilt. Auf eine Gesellschaft, in der Kinder Erwachsenen immer wieder dabei helfen, milder im Urteil gegenüber sich und anderen zu sein, in der sie Mut zur Gelassenheit machen – auch für die natürlichste Sache der Welt. Und alles, was sich daraus ergeben kann.