"Das unverarbeitete Trauma ihrer Anpassung", so Matthias Geis und Bernd Ulrich in der vorigen Ausgabe der ZEIT, sei es eigentlich, worunter die SPD leide. Im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik habe die Partei ihren Frieden mit den herrschenden Verhältnissen gemacht. Aber was lange ein Erfolgsrezept gewesen sei, tauge heute nicht mehr. Auf diese Kritik an sozialdemokratischer Zaghaftigkeit antwortet der Historiker Heinrich August Winkler.

Dass es den deutschen Sozialdemokraten derzeit nicht gut geht, wer wollte das bestreiten? Umfrageergebnisse, die einen Stimmenanteil der ältesten deutschen Partei von deutlich weniger als 20 Prozent ausweisen, sind nicht nur für sie selbst, sondern für alle Demokraten beunruhigend. Auf der Suche nach den tieferen Gründen des Niedergangs der SPD glauben Matthias Geis und Bernd Ulrich in der Geschichte fündig geworden zu sein. Was sie dort entdeckt haben wollen, ist ein verhängnisvoller Hang der Sozialdemokraten zur Anpassung an die herrschenden Verhältnisse.

Die von Geis und Ulrich diagnostizierte Neigung zur opportunistischen Preisgabe des als richtig Erkannten treibt, wenn wir den Autoren folgen, die SPD 1914 zur Bewilligung von Kriegskrediten und 1918 zur Niederschlagung der Revolution, wie sie die aufrechten Genossen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg vertreten, zum Pakt mit der Reaktion und zu allerlei faulen Kompromissen mit dem Klassenfeind. Einen Lichtblick bilden eigentlich nur die fünf Jahre der Kanzlerschaft Willy Brandts, in denen die SPD ausnahmsweise einmal gleichzeitig an der Macht und mit sich identisch ist.

Doch schon bald setzt sich auch in der Bundesrepublik die von Herbert Wehner und Helmut Schmidt repräsentierte andere Traditionslinie durch, "die sich im autoritären Umgang mit den radikalen Impulsen aus der Studenten-, der Friedens- und der Ökologiebewegung bewährte". In dieser negativen Kontinuität ist auch der dritte und bisher letzte sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder zu sehen, der, indem er sich dem "Sachzwang" beugt und mit der Agendapolitik beginnt, zwar der Ökonomie einen Boom, seiner Partei aber die Krise beschert, in der sie heute steckt.

Warum die beiden Autoren die Sozialdemokraten trotz alledem als die "verdienstvollste Partei" Deutschlands bezeichnen, wird aus ihrem Artikel nicht so recht klar. Dagegen erscheint es fast schon zwingend, dass sie die Genossen zur Abkehr von ihrer bisherigen, überwiegend verfehlten Geschichte und zu einem entschiedenen Ruck nach links, ja letztlich zu einer Politik nach dem Motto "Mehr Revolution wagen!" aufrufen. Sie propagieren den Bruch mit einem "politischen System, das selbst in die Krise geraten ist", was aber vielleicht etwas radikaler klingt, als sie es meinen. Denn eine Abwendung von der bundesrepublikanischen Demokratie haben sie doch wohl nicht ernsthaft im Sinn – oder?

Wäre die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie so verlaufen, wie Geis und Ulrich sie skizzieren, würde der SPD auch keine Kurskorrektur nach links mehr helfen. Die älteste deutsche Partei müsste vielmehr vor Scham im Boden versinken, sich auflösen oder bei der Partei Die Linke Unterschlupf suchen, die sich zum Erbe von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bekennt. Doch die Geschichte der SPD verlief ein wenig anders, als es die beiden ZEIT- Redakteure suggerieren. Als die Sozialdemokraten am 4. August 1914 im Reichstag den von der Reichsleitung beantragten Kriegskrediten zustimmten, war der Krieg mit Russland bereits eine Tatsache. Das Zarenreich aber war, so hatten es Marx und Engels den Parteien der Sozialistischen Internationale immer wieder verkündet, die Vormacht der europäischen Reaktion, der das Proletariat notfalls auch mit Waffengewalt entgegentreten musste.

Durch ein Nein zu den Kriegskrediten einem Vormarsch der russischen Truppen auf deutschem Boden Vorschub zu leisten kam für die SPD nicht infrage, ebenso wenig ein Einschwenken auf die Linie Lenins, der im November 1914 die "Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg" forderte. Denn ein Bürgerkrieg erschien auch Kriegskreditgegnern wie Karl Kautsky als die grausamste Form des Krieges und darum als eine Katastrophe. Rosa Luxemburg freilich war anderer Meinung. Bürgerkrieg sei nur ein anderer Name für Klassenkampf, schrieb sie noch im November 1918, "und der Gedanke, den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss einführen zu können, ist eine lächerliche kleinbürgerliche Illusion".