"Englisch ist die erste Wahl"

Die Frage ist nicht, ob Grundschulkinder lieber Türkisch oder Polnisch statt Englisch lernen. Die Frage ist, wie uns Integration besser gelingen kann – und wie Kinder mit Migrationshintergrund besser Deutsch lernen und so bessere Chancen in Schule und Beruf haben. Spracherwerb findet nicht nur im Unterricht statt, sondern auch zu Hause. Die Eltern können maßgeblich dazu beitragen, dass Kinder besser Deutsch lernen. Daher ist es nicht nur für die eigene Integration der Eltern wichtig, dass sie die deutsche Sprache beherrschen. Wenn es um Fremdsprachen geht, ist Englisch die erste Wahl. In einer Berufswelt, in der Kontakte ins Ausland so häufig sind, ist es wichtig, Englisch zu können. Die verschiedenen Herkunftssprachen sind ein Schatz. Sie zu pflegen kann ein gutes – aber freiwilliges – Zusatzangebot sein.
Karin Prien, 53, ist Bildungsministerin in Schleswig-Holstein

"Türkisch wäre kaum eine Hilfe"

Englisch sollte in der Grundschule auf keinen Fall außen vor gelassen werden, weil es durch die internationale Verbreitung so wichtig ist. In den meisten Ländern wäre Türkisch oder Polnisch kaum eine Hilfe. Auch die Umsetzung stelle ich mir schwierig vor – wo sollen so viele pädagogisch qualifizierte Türkisch- und Russischlehrer herkommen? Im Allgemeinen halte ich aber Mehrsprachigkeit und das Erlernen der Muttersprache für die Entwicklung der Kinder äußerst förderlich. Hierzu leisten viele Schulen in Zusammenarbeit mit den Generalkonsulaten einen Beitrag und bieten muttersprachlichen Unterricht an. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, in meinem Elternhaus wurde überwiegend Türkisch gesprochen. Deutsch habe ich erst im Kindergarten, in der Schule und von Freunden gelernt.
Rabia Tolu, 36, unterrichtet Deutsch an einer Realschule in Baden-Württemberg

"Mehrsprachigkeit fördern"

Englisch hat für die meisten Kinder in der Grundschule wenig mit ihrer Sprachpraxis im Alltag zu tun. In den Englischunterricht wird in einer auch wirtschaftlichen Verwertbarkeitslogik die Erwartung gesetzt, zukünftige polyglotte Weltbürger heranzuziehen. Ich will nicht falsch verstanden werden: Englischkenntnisse schon in den ersten Schuljahren aufzubauen, halte ich grundsätzlich nicht für falsch. Aber Kinder nehmen aus dem Englischunterricht in der Grundschule wenig mit. Das weiß ich aus eigener Anschauung meiner Kinder, und das belegen Studien. Die Frage ist auch: Warum wird die Förderung von Mehrsprachigkeit als Bildungsziel der Grundschule ausschließlich auf diese Sprache begrenzt? Sowohl die EU als auch die Kultusministerkonferenz empfehlen ja, Migrantensprachen mit zu berücksichtigen.
Yasemin Karakașoğlu, 53, ist Professorin für Interkulturelle Bildung an der Uni Bremen

"Sprachen gleichbehandeln"

Ich war überrascht, als ich von der Forderung hörte. Ist es nicht herrlich, in einer einzigen Sprache mit so vielen Menschen weltweit sprechen zu können? Meiner Meinung nach kommt Englisch in unseren Schulen sogar etwas zu kurz, den Eindruck hatte ich zumindest während meines Aufenthalts in den USA. Ich bin froh, schon in der Grundschule an Englisch herangeführt worden zu sein. Aber ich erlebe häufig eine Art Spracharroganz. Spanisch und Französisch – her damit! Türkisch und Russisch werden dagegen gerne kritisch beäugt. Dabei müssten sie doch gleichbehandelt werden. Meine Eltern sind in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen. Es war ihnen wichtig, dass ich schnell Deutsch lerne. Mein Russisch ist noch immer ausbaufähig. In Russland müsste ich wohl versuchen, mich mit Englisch zu verständigen.
Nikolaj Grünwald, 19, ist im Vorstand der Landesschülervertretung NRW