Da oben ist die leere Bühne, da hängt der samtrote Vorhang herab, und da steht einsam das Mikrofon im Rampenlicht. Hier unten, im Publikum, sitzen Menschen, sehr viele Menschen, auf Stühlen, auf dem Boden, Hunderte im Dunkel des Saals. Sie warten auf den Beginn der Veranstaltung, denn das ist hier, Anfang Februar, Berlin-Kreuzberg, ein Poetry-Slam, so eine Art Dichterwettstreit also, bei dem der Sieger per Applaus bestimmt wird.

Auf die Bretter tritt nun der erste Vortragende des Abends, ein kleiner, dunkelhaariger Mann mit breiter Brust, er trägt Jeans, ein dunkles Hemd, eine schmale Weste.

Er geht zügig zur Bühnenmitte, wie einer, den ein starker Wind vor sich hertreibt. Der Mann schraubt den Mikrofonständer eine Etage tiefer und spricht sodann mit warmer Stimme und leisem französischen Akzent einen Text, der, so kündigt er an, "Liebe Cis-Leute" heißt und folgendermaßen beginnt:

"Liebe Leute, die ihr in dem Geschlecht, das euch bei der Geburt zugewiesen wurde, geblieben seid. Denkt ihr, wir sind Transgender-Menschen und ihr seid 'nur' Menschen? Gute Nachricht: Auch ihr habt einen Namen. Wer in seinem bei der Geburt verteilten Geschlecht bleibt, ist Cisgender – oder einfach nur 'Cis'."

Woran merkt man eigentlich, dass sich die Stimmung in einem Saal verändert?

Es wird einen Tick zu still vielleicht, es kriecht eine feine, aber spürbare Anspannung in den Raum. Die Menschen im Publikum sind studentisch, wohlwollend, tendenziell links. Aber ein kleines bisschen irritiert wirken sie schon, als der Mann da oben über "Transgender-Menschen" auch "wir" sagt. Im Saal ist nur noch seine Stimme zu hören.

"Liebe Cis-Leute", sagt der Mann auf der Bühne, "hört auf, mich zu fragen, ob ich operiert bin. Stellt euch vor, ein Mensch, den ihr seit fünf Minuten kennt, fragt euch nach eurer Schwanzlänge oder Körbchengröße."

Der Mann da oben – der war, kann das sein, also einmal eine Frau?

Ganz recht. Auf der Bühne steht Jayrôme Robinet, Autor und Übersetzer, ein Franzose, der seit 20 Jahren in Berlin lebt. 1999, als er herzog, war er allerdings noch eine Französin – Céline.

Gerade ist Jayrôme Robinets drittes Buch erschienen, es ist sein erstes bei einem großen deutschen Verlag. Dieses Buch erzählt sein bisheriges Leben und heißt Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund. Etwas sperrig der Titel, aber er macht klar, worum es in dem Buch maßgeblich geht: um Transsexualität.

Nun ist das, könnte man zunächst sagen, eine eher marginale Angelegenheit. Transsexuell sind ja doch die allerwenigsten. Aber Jayrôme Robinet erzählt nicht bloß von seinem Weg, einem Einzelschicksal, sondern auch von einer Gesellschaft – von unserer. Er erzählt von deren Blicken, Sitten, Strukturen und Tabus in jener schmerzvollen Klarsicht, die nur Außenseitern gegeben ist.

Hat Robinet es deswegen geschrieben? Will er der Welt den Spiegel vorhalten?

Zu einem ersten Treffen in einem Café in Neukölln erscheint Robinet in breiter Lederjacke und Jeans. Er hat einen weichen Bart im Gesicht, die pechschwarzen Haare sind gegelt, Robinets Großeltern mütterlicherseits kamen aus Sizilien, das schlägt bei ihm durch. Freundliches Lächeln, fester Händedruck, der Journalist und der Autor, zwei Männer begrüßen sich, Blick in die Augen nicht zu lang, nicht zu kurz, Lächeln nicht zu breit, nicht zu schmal.

Wie kodifiziert das alles ist, wie viel Bedeutung und Hierarchie wir unbewusst durch Körpersprache transportieren, wie sehr sich die Botschaft von Blicken verändert, wenn man vom Gegenüber nicht mehr als Frau, sondern als Mann "gelesen" wird: So etwas beschreibt Robinet in seinem Buch, das allein schon deswegen irre spannend ist. Weil da einer vergleichen kann, wie verschieden sich die Welt anfühlt, wenn man als Frau, als Mann gelesen wird.