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Ein Mädchen von 23 Jahren, das im letzten Jahr Modedesign studiert. Zwei Männer, einer 33, der andere 34 Jahre alt.

Am 29. Mai 2018 aßen sie zunächst gemeinsam zu Abend. Bei einem der Männer handelte es sich um den Chef des Mädchens. Anschließend fuhren sie hinauf in ein Büro in der 20. Etage eines Hochhauses in Ankara. Es war der Geburtstag des Mädchens. Erst tranken sie etwas und amüsierten sich. Nach Mitternacht schickte das Mädchen ihrer Mitbewohnerin ein paar Nachrichten: "Gott, er lässt nicht ab", "Ich wusste, dass es so kommt", "Er hört nicht auf". Um 2.39 Uhr schrieb einer der Männer im Büro seiner Freundin: "Es sind sehr schlimme Dinge passiert."

"Sehr schlimme Dinge": Das Mädchen namens Şule Çet war aus dem 20. Stockwerk des Hochhauses gestürzt worden.

Die beiden Männer wurden festgenommen, sie behaupteten, das Mädchen habe Selbstmord begangen. Doch die nacheinander auftauchenden Indizien wiesen darauf hin, dass es sich um Mord handelte. Laut Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin wurden unter den Fingernägeln des Mädchens Gewebepartikel von einem der Männer gefunden, in ihrem Blut eine betäubende Substanz und in ihrer Analregion Risse. Ihr Körper wies Kampfspuren auf. Das Fenster, aus dem sie sich nach Angaben der Angeklagten hinabgestürzt haben soll, ging nur 30 Zentimeter auf, an der Scheibe fanden sich keinerlei Fingerabdrücke. Dass der Knochen an der Kehle des Mädchens gebrochen war, wies darauf hin, dass sie erdrosselt worden war, bevor sie hinuntergeworfen wurde.

Nach dem Todesfall riefen die beiden Männer mehr als zehnmal eine Airline an. Offensichtlich planten sie die Flucht. Wie später aufgetauchte Videoaufnahmen deutlich machten, waren sie aber so betrunken, dass sie nicht mehr gehen konnten.

Was ich bis hierhin berichtet habe, ist entsetzlich genug. Leider geht es aber noch furchtbarer weiter. Denn was nun kommt, belegt, wie dieser Mord in einem patriarchalischen System vertuscht, gar legitimiert werden sollte.

All der Verdacht erregenden Befunde zum Trotz wurden die Verdächtigen zweimal vom Dienst habenden Gericht unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Erst nach Protesten änderte die Justiz "ihre Meinung", die Männer wurden verhaftet. Der Haftbefehl erging allerdings nicht wegen Mordes, sondern wegen "Gewaltanwendung und Übergriffen zu sexuellen Zwecken".

Inzwischen wurde bekannt, dass die Spuren der Fingernägel des Mädchens am Körper des einen Mannes im ärztlichen Bericht gar nicht aufgeführt waren.

Es dauerte acht Monate, bis ein Prozess eröffnet wurde. Nun endlich fand vorletzte Woche die erste Verhandlung statt, und die Türkei wurde erneut erschüttert. Die im Anzug auftretenden Angeklagten wiesen den Mordvorwurf zurück. Ihr Anwalt verwies in seiner Verteidigung darauf, dass das junge Mädchen keine Jungfrau mehr gewesen sei, ihr Jungfernhäutchen habe Risse aufgewiesen, sie sei aus freien Stücken mit den Männern ins Büro gegangen: "Sie hat Alkohol getrunken. Das heißt, sie war einverstanden. Liegt Einvernehmen vor, ist das kein sexueller Übergriff."

Diese schmutzige, den Mord legitimierende Sprache fand sich gleichlautend im gerichtsmedizinischen Bericht. Die in den offiziellen Bericht aufgenommene Aussage des Arztes zerschmetterte die Gerechtigkeit ebenso wie noch einmal Şule: "Wenn eine Frau akzeptiert hat, mit einem Mann an einem abgeschiedenen Ort Alkohol zu trinken, ist das als Einverständnis in eine sexuelle Beziehung zu werten."

In dem Verfahren steht das extremste Beispiel von Gewalt gegen Frauen vor Gericht. Die Verteidigung der Angeklagten, die den Mord damit erklärte, das Opfer sei "keine Jungfrau gewesen, freiwillig mitgegangen und habe Alkohol getrunken", und die Lebensweise des Opfers als mildernde Umstände für die Mörder geltend machte, löste bei Frauenverbänden einen Aufstand aus.

Jetzt stehen die beiden Mordverdächtigen vor Gericht. Vor der türkischen Öffentlichkeit dagegen ist diese, die Mörder schützende männliche Geisteshaltung angeklagt.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe