DIE ZEIT: Herr Noethen, wie war denn Ihr letzter Besuch beim Arzt?

Ulrich Noethen: Neulich hatte ich meine erste – jetzt fällt mir natürlich das Wort wieder nicht ein ... Koloskopie? Eine Darmspiegelung. Ich bin aus der Narkose aufgewacht und sagte zur Ärztin: "Moment mal, die Narkose, hallo ...? Sie müssen noch einmal nachlegen!" Dabei war schon alles vorbei.

ZEIT: Gehen Sie regelmäßig zur Vorsorge?

Noethen: Alle reden immer davon, dass man das machen soll. Es gehört jetzt wohl irgendwie zum Erwachsenwerden dazu, irgendwann ist man halt an der Reihe.

ZEIT: Die erste Staffel der ARD-Serie Charité sahen vor zwei Jahren Millionen Zuschauer, jetzt läuft die zweite Staffel an. Sie spielen den berühmten Medizin-Professor Ferdinand Sauerbruch, der sehr dominant war und den sprichwörtlichen "Halbgott in Weiß" verkörperte. Geben sich Ärzte und Ärztinnen heute immer noch so?

Noethen: Ich glaube, das ist eine Persönlichkeitsfrage. Und auch eine Frage des Zeitgeistes. Es gibt heute glücklicherweise mehr Ärztinnen und Ärzte, die zugewandt sind. Die nehmen sich Zeit und wollen, dass der Patient versteht, was mit ihm geschieht. Und es gibt nach wie vor Ärzte – auch diese Erfahrung habe ich gemacht –, die einen wie einen Trottel behandeln. Umgekehrt gibt es natürlich auch extrem schwierige Patienten.

ZEIT: Ferdinand Sauerbruch, der 1951 starb, wurde an seinem Lebensende selbst zum Patienten: Er litt an Demenz.

Noethen: Während der Vorbereitung habe ich einen Chirurgen kennengelernt, der seit frühester Jugend ein Sauerbruch-Aficionado ist und Unterlagen aus dessen Nachlass in seinem Besitz hat, darunter die Entnazifizierungs-Akte und der lederne Arztkoffer, mit dem Sauerbruch bis zuletzt unterwegs war. Da waren noch Fläschchen und Tinkturen drin. Oxidierte Instrumente. Ich habe in diese alte Arzttasche reingeschaut und dachte: Ein Sinnbild für den altersdementen Sauerbruch.

ZEIT: In den Dreißiger- und Vierzigerjahren war der Chirurg eine Ikone, die viele Leute auch außerhalb der Forschungsszene kannten – und die die Nazis für ihre Zwecke einspannen wollten.

Noethen: Sauerbruch war ein herausragender Arzt und Wissenschaftler. Ein Charismatiker. Ein Promi. Er konnte gut reden, sich darstellen, er konnte auf Menschen zugehen. Aber er war eben auch ein Aushängeschild für das Nazi-Regime.

ZEIT: Wie haben Sie sich dieser komplexen Persönlichkeit genähert?

Noethen: Ich habe viel über ihn gelesen und zugängliches dokumentarisches Filmmaterial gesichtet. Interessant fand ich, dass Sauerbruch wohl eine bipolare Störung hatte. Seine manischen Phasen waren stark, das Depressive hat er sehr gut zu kaschieren gewusst. Ich habe mir Anhaltspunkte gesucht: Er war cholerisch, schwierig und anspruchsvoll als Chef, konnte aber eigene Fehler einsehen, sich entschuldigen, hatte ein großes Herz und Humor. Hat niemanden ausgegrenzt. Seine Patienten, egal welche, waren ihm das Wichtigste.

ZEIT: Sie spielen ihn als eine zerrissene Figur. In dem einen Augenblick nahm er andere Menschen für sich ein, dann war er plötzlich sehr herrisch. Zudem war Sauerbruch auch ein einflussreicher Wissenschaftspolitiker. Er saß dem Reichsforschungsrat vor, der Menschenversuche an KZ-Häftlingen unterstützte.

Noethen: Zuerst habe ich mich nur mit dieser Seite befasst. Mit den Reden, die er gehalten, den Unterstützerschreiben für die Nazis, die er unterzeichnet hat. Ich war mir damals sicher: Er hat sich als Mittäter schuldig gemacht.

ZEIT: Inzwischen gibt es neue Quellen, etwa die Tagebuchaufzeichnungen seines Kollegen Adolphe Jung, der in der Serie ebenfalls vorkommt. Der Historiker Christian Hardinghaus rehabilitiert Sauerbruch in einer neuen Biografie als Wissenschaftler, der sich dem Regime widersetzt hat.

Noethen: Diese Quellen standen mir erst später zur Verfügung. Sie dokumentieren die positive Seite der Sauerbruch-Figur. Denn es gibt keine Smoking Gun, kein Dokument, auf dem Sauerbruchs Name steht und das belegen würde, dass er die Menschenversuche und die Tötungen behinderter Kinder befürwortet hätte. Aber ich sehe auch die Gefahr, dass man relativiert. Dass man die Opfer ausblendet. Und Sauerbruch stand in der Verantwortung. Nicht nur als Chef der Charité.