Das Gipfeltreffen, zu dem sich 190 führende katholische Kleriker und der Papst in diesen Tagen im Vatikan versammeln, hat eine Vorgeschichte. Mitte November 2018 trafen sich die US-Bischöfe zu ihrer Jahrestagung in der Stadt Baltimore, sie sollten dort über verschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche abstimmen. Im Sommer waren schockierende Details über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs durch Priester in Pennsylvania ans Tageslicht gekommen. Die Bischöfe standen unter Zugzwang.

Einer der wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung war die Abstimmung über die Einrichtung von Kommissionen. Diese sollten über Beschwerden gegen Bischöfe befinden, die ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommen. Der Vorschlag war bahnbrechend. Fortan hätten ganz normale Katholiken und unter ihnen womöglich sogar Frauen führende Kirchenmänner überprüft, ob diese sich an Standards im Umgang mit Missbrauchstätern hielten. Es wäre das erste Mal gewesen, dass sich in der katholischen Kirche hohe Kleriker nicht nur vor geweihten Männern oder dem Papst hätten verantworten müssen. Es war eigentlich unvorstellbar. Dann passierte, was passieren musste.

Am Tag vor der Abstimmung eilte der päpstliche Nuntius zum Vorsitzenden der US-Bischöfe und teilte mit, die Abstimmung sei abgeblasen. Man wolle doch lieber gemeinsam über entsprechende Maßnahmen auf dem Vatikan-Gipfel Ende Februar 2019 beraten und keinesfalls Alleingänge wagen, so lautete die offizielle Erklärung. Könnten wohl andere Gründe ausschlaggebend für den Rückzieher aus Rom gewesen sein? Die Idee, dass die Bischöfe plötzlich auf ihre Macht verzichten könnten, schien der Vatikan-Hierarchie womöglich zu gewagt.

Die auch mit Laien besetzten Kommissionen zur Überprüfung der Bischöfe werden auch bei der Vatikan-Konferenz nicht eingeführt. Das viertägige Gipfeltreffen ist eine bessere Informationsveranstaltung, bei der die Kirchenführer auf einen gemeinsamen Wissensstand gebracht und im Detail darüber in Kenntnis gesetzt werden, welches ihre Rechte und Pflichten im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester sind.

Fünf Kardinäle, ein Erzbischof und drei Frauen werden Impulsreferate zu den Themen Verantwortung, Rechenschaftspflicht und Transparenz halten, dann wird in Sprachgruppen diskutiert. Die Perspektive der Opfer soll eine wichtige Rolle spielen, einige Betroffene sollen zu Wort kommen. Vielleicht auch aus Angst vor Protesten finden eine Bußliturgie und die Abschlussmesse in der Sala Regia im Apostolischen Palast statt, ohne Teilnahme der Öffentlichkeit. Der Gipfel ist als Meeting ohne Abschlusserklärung angesetzt. Konkrete Schritte oder Maßnahmen sind nicht zu erwarten. Wie es nach dem Treffen weitergeht, ist offen. "Alles hängt vom Papst ab", sagt Pater Hans Zollner, der Leiter des Kinderschutzzentrums der päpstlichen Universität Gregoriana und Mitorganisator der Konferenz.

Bei der Bischofssynode im vergangenen Oktober zum Thema Jugend wurde klar, wie verschieden die Perspektive der Bischöfe weltweit ist. Ein Passus im Abschlussdokument, in dem die Forderung nach "null Toleranz" im Umgang mit sexuellem Missbrauch festgehalten werden sollte, fand nicht die notwendige Zweidrittelmehrheit. Das ist gerade einmal vier Monate her. Selbst Papst Franziskus, der erkannt hat, dass in der Kirche kein Weg mehr an der Auseinandersetzung mit dem Thema vorbeiführt, verfolgt nicht immer eine klare Linie.

Erst verteidigte er auf seiner Chile-Fahrt im Januar 2018 vertuschende Kardinäle, um später seine Fehler öffentlich einzugestehen. Erst in seiner jüngsten Weihnachtsansprache vor der Kurie kündigte er an, dass die Kirche "angesichts dieser Abscheulichkeiten ... keine Mühen scheuen wird, alles Notwendige zu tun, um jeden, der solche Verbrechen begangen hat, der Justiz zu unterstellen".

Aber wie sollte man die Worte des Papstes zwei Sätze später verstehen? "Wir müssen die Vergangenheit mit der Hermeneutik der Vergangenheit beurteilen", sagte Franziskus da. Heißt das, im Hinblick auf frühere Taten gilt doch weiterhin das alte katholische Mantra, wonach das Ansehen der Institution wichtiger ist als das Leid der Opfer?