Matthias Krull ahnt nicht, dass er schon seit geraumer Zeit beschattet wird, als er am Flughafen von Miami in der Schlange zur Passkontrolle wartet. Er ahnt auch nicht, dass ein Geschäftspartner in Wahrheit ein V-Mann der US-Behörden ist. Es ist der 25. Juli 2018, Krull ist gerade mit seiner Frau und den Kindern gelandet. Die Familie lebt in Panama. Es ist das dritte Mal in fünf Wochen, dass sie in die USA reisen; sie haben eine Wochenendwohnung in Miami. Am Schalter schaut der Officer auf Krulls Pass. Er blickt auf den Bildschirm. Wieder auf den Pass. Noch ehe Krull versteht, was passiert, bittet der Officer ihn und die Familie mitzukommen. Kurz darauf wird Krull festgenommen.

Die Geschichte von Matthias Krull ist die Geschichte eines Raubzugs im großen Stil. Bis Anfang 2018 arbeitet Krull für die Schweizer Privatbank Julius Bär in Venezuela. In der Finanzszene wird er als "Onboarding-Star" gefeiert, wie eine Branchenplattform schreibt, kaum einer akquiriert so viele Neukunden wie er. Als er im Juli 2018 in Miami verhaftet wird, ist das das Ende einer steilen Karriere. Die amerikanische Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Mitglied einer Bande zu sein, die den venezolanischen Staat ausgenommen hat. Mithilfe von Funktionären und deren Angehörigen sollen Betrüger dem südamerikanischen Staat unfassbare 1,2 Milliarden Dollar gestohlen haben. Ende Oktober 2018 wird Krull in Miami zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, wegen Geldwäsche und Verschwörung. Er habe, so die Richterin, reichen Venezolanern geholfen, die Gewinne aus schmutzigen Geschäften ins reguläre Finanzsystem einzuschleusen und Millionen Dollar außerhalb Venezuelas zu verstecken. Unter den Nutznießern: die Stiefsöhne von Präsident Nicolás Maduro. Weil ein Teil der Beute auch in die USA geschafft wurde, wurden die amerikanischen Behörden aktiv. In Venezuela wird die Tat hingegen nicht verfolgt.

Krull hat seit seiner Festnahme geschwiegen, im Januar 2019 willigte er jedoch ein, sich mit der ZEIT zu treffen und seinen Fall zu schildern. Zusammen mit Ermittlungs- und Gerichtsunterlagen aus Spanien, der Schweiz und den USA ergibt sich aus seinen Schilderungen nun das Bild eines Finanzverbrechens mit einzigartigen Ausmaßen.

Eine ruhige Wohngegend von Miami. Grüne Vorgärten, breite Einfahrten, die Häuser ducken sich unter den Bäumen weg. Es ist ein Sonntagmorgen Ende Januar. Krull, 45, öffnet die Tür, auf dem Arm hält er seine einjährige Tochter. Am Knöchel trägt er eine Fußfessel. Weil er mit den Ermittlern kooperiert, kam er gegen eine Kaution von fünf Millionen Dollar vorübergehend frei. Er hat das Geld selbst aufgetrieben. Zwischen 7.30 und 19.30 Uhr darf er sich frei bewegen. Wenn seine Aussagen den Agenten helfen, den Raubzug aufzuklären, kann die Richterin die Strafe reduzieren. Krull hat einiges zu berichten, er ist der Erste aus der Gruppe der Verschwörer, der festgenommen wurde.

Krull serviert Coca-Cola. Er sagt: "Ich muss mich der Verantwortung jetzt stellen, und das tue ich auch." Er gibt sich abgeklärt, was soll er auch sonst tun? Nach dem Urteil zog seine Frau mit den Kindern nach Miami. Die Familie mietete dafür ein Haus. Die Agenten haben ihr empfohlen, nicht nach Panama zurückzukehren. Wenn Krull auspackt, könnte das gefährlich werden. Ihm haben sie geraten: Wenn du irgendwas siehst, was dir komisch vorkommt, ruf sofort die Polizei. Krull ist in den Augen mancher jetzt ein Verräter, er ist wachsam.

Die Anklage gegen ihn und sieben weitere Personen, aufgrund derer er verurteilt wurde, umfasst 33 Seiten. Zwei Jahre lang haben die Agenten ermittelt, "Operation Money Flight" nannten sie den Fall. Es geht darum, dass die Mitangeklagten von Krull eine verblüffend einfache Methode gefunden haben sollen, um die staatliche venezolanische Erdölgesellschaft PDVSA um viel Geld zu erleichtern – er selbst kommt erst später ins Spiel.

Alles beginnt im Dezember 2014. Venezuela ist eines der erdölreichsten Länder der Welt. Unter Präsident Hugo Chávez und dessen Nachfolger Nicolás Maduro versucht die Regierung, den Sozialismus einzuführen. Die Erdöleinnahmen sollen künftig nicht nur einer Elite zugutekommen. Deshalb subventioniert der Staat mit den Petro-Dollars den Wohnungsbau, Lebensmittel, die Gesundheitsversorgung – doch als der Ölpreis fällt und fällt, taumelt Venezuela ins Chaos. Die Inflation erreicht 2014 rund 60 Prozent. Damit die Preise nicht außer Kontrolle geraten, hatte die Regierung einst den Wechselkurs der Landeswährung Bolivar zum US-Dollar festgelegt und den Tausch streng reglementiert – alle weiteren Kurse orientieren sich am Dollar. Kaum einer darf seither auf offiziellem Weg Dollar kaufen. Daher floriert der Devisen-Schwarzmarkt, auf dem der Kurs ein vielfaches höher ist als bei der Zentralbank.