Mit Werner Doralt ist das ein bisschen wie bei einem Konzert: Bei jeder Diskussion um das Steuersystem ist der Taktstock auf den Finanzrechtsexperten gerichtet. Alles wartet auf seinen Einsatz. So auch wieder diesmal in der aktuellen Debatte um Steuerreform und Spitzensteuersatz. Die kantigen Kommentare und Analysen des Zahlenerklärers erklingen dann prompt, manchmal im Stakkato der aktuellen Tagesmeldungen oder virtuos, von TV-Moderatoren herbeidirigiert. Meistens sieht man den 76-jährigen Professor mit den dichten, dunklen Augenbrauen dabei energisch vor einer Bücherwand sitzend in seinem Büro in der Bankgasse in der Wiener Innenstadt, eindringlich nach vorn gebeugt. Er will verstanden werden, das betont er oft: "Ich will, dass auch Laien durchschauen, was die Politik für sie beschlossen hat."

Was im Schatten des Scheinwerferlichts der Medien untergeht: Werner Doralt ist ein gewiefter Erfinder. Als Herausgeber des Kodex, der vielbändigen Sammlung österreichischer Gesetze, welche immer wieder auf den neuesten Stand gebracht wird, verkauft der Geschäftsmann leichtfüßig mehr Bücher in einem Jahr, als so mancher österreichische Bestsellerautor mühevoll verkauft haben muss, um als Bestseller durchzugehen. Zahlen wollen er und die Verlage auf keinen Fall nennen. Buchhändler nennen die Reihe wenig prosaisch eine cash cow. Die Kompendien zählen zu Standardwerken, jeder Jus-Studierende greift zu dieser Erfindung des Professors. Richter betreten mit dem gelben Buch unter dem Arm den Gerichtssaal, fast jede Anwältin benutzt es als Nachschlagewerk. 70 Bände gibt es mittlerweile, vom Unternehmens- und Verfassungsrecht bis zum bürgerlichen Recht, jede Materie hat ihren eigenen Band. Dieses Jahr feiert der Kodex sein 40. Jubiläum. Ein stiller Triumph ist das für den lange belächelten Außenseiter Doralt, der sich einst eigentlich damit arrangiert hatte, nichts zu Wege zu bringen.

Ganz abgelegt hat er die Außenseiterrolle nicht. Grelle Lichtkegel auf starke Umsatzzahlen und Auflagen, das schlägt sich mit dem Bild des grübelnden eher linksorientierten Professors und ist ihm eher unangenehm, Verkaufszahlen täten nichts zur Sache, sagt er.

Förderer linksliberaler Ideen, aber mit konservativen Mitteln

Sein Erfolg tut wohl etwas zur Sache. Sein Aufstieg hat einen Selbstzweifler zum selbstbewussten Gegner gesellschaftszersetzender Entwicklungen werden lassen. Das sagen Weggefährten und betonen sein soziales Engagement. Der Professor führte schon so manches Verfahren für Bedürftige, die sich einen Prozess nicht leisten konnten – oder er übernahm gleich auch die Verfahrenskosten. Seine Studenten lädt der "Musiknarr", wie er sich selbst gern nennt, regelmäßig in Opern oder in ein Museum ein, "um Freude an Kulturellem zu wecken".

Besonders in der konservativen Juristenbranche wirkt der veränderungsaffine Professor mit seinen Forderungen oft wie ein Fremdkörper: ein Förderer linksliberaler Ideen, aber mit konservativen Mitteln. Wenn er etwa so manches staatliche Steuerloch mit privaten Mitteln gestopft sehen will. Oder wenn er gegen Privilegien wettert – gegen Stiftungen etwa oder gegen inflationsangepasste und daher viel zu hohe Beamtenpensionen, Vorzüge seiner eigenen Zunft. Aktuell warnt Doralt vor oberflächlichen Schönheitsoperationen in der Steuerpolitik, die auf den ersten Blick adrett aussehen, aber mögliche soziale Folgen verschleiern: "Die Sozialversicherungsbeiträge zu kürzen ist sicher eine positive Maßnahme", sagt er, "aber das könnte Unternehmer dazu veranlassen, den Lohn entsprechend niedriger anzusetzen." Das müsse man dazusagen.

Werner Doralt möchte verstanden werden. Und das ist wahrscheinlich eine weitere Provokation für viele seiner Kollegen. Eine Stilfibel zu verständlicher Sprache liegt seinem Standard-Lehrbuch zum Steuerrecht bei, die sich fast wie ein Pamphlet gegen das sperrige Juristendeutsch liest. Für seinen Drang nach Verständlichkeit und Kürze wurde der Professor früher des Öfteren als unwissenschaftlich abqualifiziert.

Der "Kodex" ist keine reine Erfolgsgeschichte

Die Kodex -Bände erzählen dabei am treffendsten, warum Werner Doralt sich oft freiwillig und unfreiwillig ins Abseits begibt. Die Entstehungsgeschichte des Kodex in den Siebzigerjahren ist keine reine Erfolgsgeschichte. Und deswegen passt sie zu Werner Doralts eigener Lebensgeschichte, die von vielen Talfahrten handelt.

"Jetzt kannst einpacken mit deinen gelben Büchern", spöttelten manche seiner Kollegen damals, als ein Konkurrenzverlag mit einer pompösen Werbemaschinerie seine eigenen Gesetzessammlungen auf den Markt brachte. Doralts gerade erst vom Stapel gelassenes Schiff drohte unterzugehen.