Es wird halt weiß sein. Und kalt. Hätte ich bis vor Kurzem gesagt. Ich wusste nicht mal, dass Winterwandern überhaupt existiert, hatte allerdings auch jeglichen Wintersportaktivitäten seit Jahren abgeschworen, zu hohe Preise, zu viel Sport, zu viel verschwitztes Goretex.

Die Eröffnung des ersten Winterweitwanderweges in Tirol schien mir eine Chance zu sein, mich mit der kommerziellen Nutzung der Winteralpen auszusöhnen, ganz ohne Lifte und Schneekanonen: vier Tage durchs Leutaschtal bei Seefeld laufen, von Burggraben nach Kreith, weiter nach Mösern und Weidach. Insgesamt 48 Kilometer auf präparierten Wegen, mit Gepäcktransport und vorgebuchten Übernachtungen – Wintersport für jedermann. Ich bin auch jeder, dachte ich und kratzte alle Ausrüstung zusammen, den Rucksack von der Mitbewohnerin, die lange Unterhose von der Mutter, die Schuhe, zwei Nummern zu groß, vom Bruder.

Die Region Seefeld wirbt damit, im Winter schneesicher zu sein, was erst mal gut ist fürs Winterwandern, konnte ja keiner ahnen, dass ich mich genau dann auf den Weg mache, als es ungewöhnlich viel schneit und man mit Lawinenmeldungen zugeschüttet wird. Schon die Anreise ist beschwerlich, südlich von München sind alle Züge gestrichen, nichts geht mehr. Ich werde über Innsbruck umgeleitet und bin mit meiner Geduld schon am Ende, bevor ich angekommen bin, ich sehe nicht ein, dass Winter ist.

© ZEIT-Grafik

Aber da habe ich auch den Bantl Hansi noch nicht kennengelernt. Gleich mehr dazu.

Die Nacht im Gasthof Zur Mühle ist kurz und gut, am Abend bestelle ich noch Tiroler Gröstl, um mich einzustimmen. Von der Pension laufe ich morgens los zum Einstieg, ein kleiner Weg, der von der örtlichen Hauptstraße abzweigt. Der Pfad ist gut gespurt, und ich entdecke darauf schon ein Paar Fußstapfen – offenbar sind noch andere unterwegs auf dem Weitwanderweg. Auch wenn man eigentlich alleine sein möchte für die volle Schneeerfahrung, ist das für Notfälle doch gut zu wissen.

Der Weg führt einen kleinen Fluss entlang, die Leutascher Ache, über ein weites freies Feld, dann in den Wald. Und hier beginnt auch schon das große Ohhh ... und Ahhh ... und Winterwunderland. Denn es ist völlig unmöglich, sich dem Zauber des verschneiten Waldes zu entziehen. Sobald ich stehen bleibe, ist es vollkommen still. Nein, ist es nicht. Je länger ich still stehe, desto lauter wird es. Irgendwo rufen sich Vögel etwas zu. Der Schnee fällt auf meine Kapuze und knistert beim Aufprall, als würden sich die Flocken verzweifelt gegen das Schmelzen wehren. Ab und an entledigt sich ein Baum seiner schweren Last, und ein großer Haufen Schnee fällt aus 15 Metern in den, nun ja, Schnee, und es macht Wuuuuummpff.

Den Waldhang hochschauen. Ah, Tierspuren. Spannend. Klarer Fall, Gemse. Den Spuren nach zu urteilen, traf sie auf einen Schneehasen. Beide blieben erschrocken stehen, der Hase reagierte zuerst, umkreiste die Gemse und machte sich dann nach unten auf und davon.

Ist natürlich Quatsch, ich könnte nicht mal ein großes Reh von einem kleinen Hirsch unterscheiden, geschweige denn deren Spuren, aber in der Natur ist ja jeder Profi, besonders der Städter, und in meiner Fantasie kann ich ja machen, was ich will.

Wäre ich mit dem Bantl Hansi unterwegs, hätte er mir die Spuren deuten können. Der Bantl Hansi heißt eigentlich Hans Neuner, aber es gibt fast zwanzig Hans Neuners in der Leutasch, und der Bantl Hansi kommt vom Bantl-Hof, also nennt man ihn so. Ich treffe ihn in einer Hütte, wo ich mich vom ersten Schnee erhole. Ich bin verschwitzt und er auch, weil er von der Wildfütterung kommt. Hansi war eigentlich Berufsjäger, ist jetzt im Ruhestand, füttert Wild und macht ab und zu Wanderführungen. Er trägt eine grüne Mütze mit Bommel zum Janker und einen Schnauzbart im verwitterten Gesicht. Der Bantl Hansi ist noch aus einer Zeit, in der die Lawinenkommission einzig aus dem Bürgermeister bestand und es öfter schulfrei gab, weil die Schule eben mitten im Lawinengebiet lag. Einmal hat es ihn selbst erwischt. Mitte der Siebzigerjahre ist er in eine Staublawine geraten. Die begräbt einen nicht unter sich, sondern das Gemisch aus Luft und aufgewirbeltem Schnee mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde kann einem Lungen und Trommelfelle zerreißen. Es rettete Hansi, dass er das Gesicht in den Schnee presste und mit den Zähnen in den Pullover biss. Kurz darauf erwischte es einen Kollegen. Lungenriss, Tod. "Mit so was hat man leben lernen müssen. Ist halt so", sagt er zu mir, während ich eine Gerstlsuppe esse.

Er erzählt, wie 1952 ein 300 Jahre altes Haus in Leutasch von einer Lawine erfasst wurde. "Wenn etwas für Jahrhunderte gut ging, kann sich das trotzdem ganz schnell ändern, hier oben. Ist halt so." Eine Frau habe sich mal bei ihm beschwert. Er hatte sie nicht weiterlassen wollen, da sagte sie: Hätte ich gewusst, dass das hier Lawinengebiet ist, wäre ich gar nicht gekommen! Darauf empfahl er ihr das Burgenland, das sei sehr lawinensicher. Hier dagegen: "Ist halt so."

So viel Gleichmut ob der gnadenlosen Herrschaft des Schnees ist mir fremd, mir setzt er schon ganz ohne Lawinen zu. Bereits nach wenigen Stunden, in denen ich nichts als Weiß und immer nur Weiß sehe, verliere ich die Orientierung. Der Schnee kennt keine Konturen, keine Kontraste, alles ist gleich weit oder gleich nah voneinander entfernt. Der Schnee macht verrückt. So viele Facetten von Weiß, Eisweiß, Schneeweiß, Frostweiß, Atemweiß, Baumstammweiß, Nadelweiß, das Weiß legt sich über alles, und dann merkt man, was für einen Quatsch man denkt, ist halt weiß, fertig.