Parteien und Politiker werden immer wieder daran gemessen, wie ihr Verhältnis zur "Wirtschaft" ist, ob sie wirtschaftsfreundlich sind oder eher nicht. Helmut Schmidt (SPD) gab sich gern als Weltökonom, also als jemand, dessen wirtschaftspolitischer Horizont über nationale Grenzen hinausreicht. Der langjährige Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) repräsentierte wie kaum ein anderer den Typ des wirtschaftsnahen, von der marktwirtschaftlichen Ordnung überzeugten Politikers. Deshalb wurde er von seinen politischen Gegnern auch "Marktgraf" genannt. Heute würden sie ihn vermutlich als "neoliberal" geißeln. Gerhard Schröder zeigte sich als "Genosse der Bosse", vorzugsweise mit Zigarre. Vor allem wegen der arbeitsmarktpolitischen Reformen der Agenda 2010 wird ihm heute noch vorgeworfen, zu wirtschaftsfreundlich gewesen zu sein, zulasten der Interessen der Arbeitnehmer. Der ehemalige britische Premier David Cameron verkündete in Wahlkampfreden, sein Land sei "open for business", bevor er es in das Brexit-Schlamassel manövrierte. Als Friedrich Merz mit Annegret Kramp-Karrenbauer um den CDU-Vorsitz konkurrierte, waren die Rollen klar verteilt. Friedrich Merz war der Kandidat des Wirtschaftsflügels, Annegret Kramp-Karrenbauer galt als arbeitnehmerfreundlich.

Was das häufig verwendete Etikett "wirtschaftsfreundlich" genau bedeutet, bleibt meistens unklar. Im engeren Sinne kann man darunter eine Politik verstehen, welche die Interessen der Unternehmen, also der Industrie oder der Unternehmen, einschließlich der Selbstständigen, vertritt. Das ist ebenso legitim wie die Vertretung der Interessen der Arbeitnehmer oder der Ruheständler, aber eigentlich Aufgabe von Verbänden und Lobbygruppen. Politisches Handeln sollte die Interessen der Volkswirtschaft insgesamt in den Blick nehmen. Auch bei einer Politik, die beansprucht, sich auf gesamtwirtschaftliche Ziele zu konzentrieren, gibt es aber mehr oder weniger wirtschaftsnahe Ausrichtungen. Wirtschaftsfreundliche Politiker betonen, dass man nur verteilen kann, was zuvor erwirtschaftet wurde. Demnach soll staatliches Handeln primär dafür sorgen, dass der Kuchen des insgesamt Erwirtschafteten maximiert wird. Wie dieser Kuchen umverteilt werden kann, ist aus dieser Perspektive weniger Aufmerksamkeit wert.

Typisch für Politiker mit wirtschaftsfreundlichem Profil ist es außerdem, auf mögliche Fehlanreize staatlicher Umverteilungspolitiken hinzuweisen. Die Größe des Kuchens ist nicht unabhängig davon, wie er verteilt wird. Wenn Leistungsträger befürchten, dass ihnen ein großer Teil des Erwirtschafteten durch Abgaben genommen wird, werden sie ihre Anstrengungen reduzieren oder versuchen, sich der Besteuerung zu entziehen. Viele moderne Wohlfahrtsstaaten haben erstaunliche Fähigkeiten entwickelt, dem privaten Sektor Ressourcen zu entziehen, ohne Leistungsanreize so weit zu zerstören, dass es zu wirtschaftlichem Niedergang kommt. Trotzdem stoßen sie an Grenzen. Beispiele sind der wirtschaftliche Verfall Großbritanniens gegen Ende der Siebzigerjahre oder die Krise des schwedischen Wohlfahrtsstaates Anfang der Neunzigerjahre.

Wirtschaftsreformer stoßen oft auf erbitterten Widerstand

Wirtschaftsfreundlichkeit ist zudem oft mit Einschätzungen über die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer, sozial- oder umweltpolitischer Instrumente verbunden. Wirtschaftsfreundliche Politik zeichnet sich in der Regel durch ein höheres Vertrauen in Marktprozesse aus. Im Bereich der Klimapolitik etwa ist es typisch für eine wirtschaftsfreundliche Position, CO₂-Zertifikaten oder einer einheitlichen CO₂-Steuer, als Instrumente zur Erreichung von Emissionszielen, den Vorzug zu geben. Direkte Eingriffe wie etwa der subventionierte Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind- oder Solarenergie mit festgelegten Mengen werden als planwirtschaftlich kritisiert. Ein anderes Beispiel ist der Umgang der Politik mit Wohnungsknappheit in Ballungsgebieten. Über das Ziel – Haushalte mit niedrigen Einkommen bei der Wohnungssuche zu unterstützen – besteht Einigkeit. Die Frage, ob man direkt in Marktprozesse und die Preisbildung eingreifen soll oder sich auf finanzielle Hilfen für Haushalte mit niedrigen Einkommen beschränkt, ist aber umstritten. Wirtschaftsfreundliche Politiker ziehen meist eine Förderung durch Wohngeld vor und lehnen sozialen Wohnungsbau und Mietregulierungen ab. Sie glauben, dass Wohngeldempfänger am freien Wohnungsmarkt die besten Chancen haben, bedarfsgerechte Wohnungen zu finden.

Die deutsche Politik wurde in den vergangenen Jahren immer wieder dafür kritisiert, zunehmend interventionistisch zu handeln. "Mehr Vertrauen in Marktprozesse!" lautete der Titel des Gutachtens der Wirtschaftsweisen im Jahr 2014: Anlass waren Eingriffe in Preisbildungsprozesse wie der flächendeckende Mindestlohn und die Mietpreisbremse.