So könnte ein Film beginnen: Ein Mann nähert sich einem umzäunten Gelände, auf dem große Gebäude stehen. Die Sicherheitsleute prüfen seine Papiere, telefonieren. Dann begleiten sie ihn durch Türen, die auf- und gleich wieder abgeschlossen werden. Schließlich erreichen sie eine triste Halle. Der Mann setzt sich, man reicht ihm eine Geige, und er beginnt zu spielen. Klassisches. Improvisiertes. Aber keiner hört ihm zu. Nun müsste etwas passieren. Aber es passiert nichts. Nach einer halben Stunde gibt der Mann die Geige zurück und geht.

Diese Szene ist fiktiv, doch so oder so ähnlich könnte sie sich zutragen. Der Ort der Handlung: ein Zollfreilager. Das Objekt: eine Stradivari. Die Pointe: Eine Geige muss von Zeit zu Zeit gespielt werden, damit sie nicht ihren Klang und damit ihren Wert verliert.

Eine Meistergeige kann ein Investment sein. Ein Investment, das, wenn es Ländergrenzen überschreitet, vielerlei Zollformalitäten erfüllen muss. Und für das Ein-, Ausfuhr-, Mehrwert- oder andere Kauf- und Umsatzsteuern zu zahlen sind. In einem Zolllager wird das alles erst einmal aufgehoben. Und weil die Lager inzwischen Hochsicherheitstrakten ähneln, sind die Sachen, die hier aufbewahrt werden, sicher vor Diebstahl, Raub, Beschädigung und Unbill anderer Art. Das gilt für Goldbarren, Diamanten, Oldtimer und Kunstwerke jeglicher Art. So rühmt sich das Genfer Freilager, man habe im Weinkeller Platz für drei Millionen Flaschen, die "vibrationsfrei reifen" könnten. Singapurs Freilager nennt sich "Art Fortress in the Heart of Asia". Und das Zollfreilager St. Gotthard hebt hervor, es befinde sich "in einem ehemaligen Bunker inmitten eines Bergmassivs aus Granit und verfüge über kugel- und explosionssichere Türen". Billig ist das allerdings nicht. In Genf sollen zehn Quadratmeter 22.000 Franken im Jahr kosten.

Entstanden sind die Freilager, als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Segelschifffahrt von dampfgetriebenen Handelsschiffen abgelöst wurde. Um das umständliche Aus- und Umladen und den Papierkram zu vermeiden, wurde jeweils ein Teil des Seehafens als exterritorial eingestuft.

Mit dem Aufkommen der Luftfracht nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden solche Freilager dann auch in Flugplatznähe. So ist es in Genf, Singapur, Luxemburg oder Peking. Mit Shanghai, Delaware und New York gehören sie zu den Freeports, die speziell für den Kunsthandel von Bedeutung sind. Und über die, weil sie sich geheimnisvoll und undurchschaubar geben, allerlei Geschichten, Fantasien und kaum zu überprüfende Zahlen kursieren. Mehr als 1,2 Millionen Gemälde, darunter tausend Picassos, seien in diesen Tresoren verborgen, vermutete die New York Times. Und die Videokünstlerin Hito Steyerl sprach sogar von "Tausenden Picassos" – obwohl das Werkverzeichnis nur 1885 Gemälde des Malers zählt. Lediglich bei 79 Werken, die Picassos Stieftochter Catherine Hutin in Genf eingelagert hat, ist die Unterbringung in Freilagern belegt.

Immer wieder geraten die Freilager ins Zwielicht. So waren in Genf schon in den 1990er-Jahren 3000 archäologische Funde aus Raubgrabungen in Italien entdeckt worden. 2016 ging es dann um 45 Kisten mit pompejischen Fresken, Skulpturen und anderen Antiken, die unter falschen Namen als "Dekorationsmaterial" eingelagert worden waren. Und die Panama Papers haben bestätigt, dass – wie bereits zuvor vermutet wurde – Modiglianis Gemälde Homme assis (appuyé sur une canne), das die Enkel des Kunsthändlers Oscar Stettiner als Raubkunst zurückfordern, der Familie des Kunsthändlers David Nahmad gehört und eines von etwa 4500 Kunstwerken ist, für die sie die Intransparenz der Freilager nutzte.

Die Schweiz hat, um den Ruf ihrer Zollfreilager aufzubessern, inzwischen strenge Regeln erlassen. Danach hat der Einlagerer gegenüber dem Zoll zu belegen, wer der Eigentümer ist, wer die Ware zuvor besaß und wie sie gehandelt wurde. Singapur gibt sich dagegen weiterhin generös und negiert die dunklen Seiten dieser Einrichtungen. "Wir bieten mehr Diskretion als Genf", erklärte der Chef des Freeports, Alain Vandenborre, vor einigen Jahren, "die Kunden brauchen bloß anzugeben, welche Kategorie von Wertgegenständen sie einlagern möchten, also zum Beispiel Gold, Wein oder Gemälde. Nähere Angaben zu den Objekten, ihrem Wert und den Eigentümern verlangen die Behörden in Singapur nicht."