Für Anwälte rechnet sie sich ganz sicher. Für Fahrer eines VW-Diesel mit manipulierter Software ist die Frage hingegen weit schwieriger zu beantworten. Zur Erinnerung: Noch im Herbst hieß es, dass wichtige Verjährungsfristen für Klagen einzelner Geschädigter Ende 2018 abliefen. Über 400.000 Betroffene haben sich daraufhin einer Musterfeststellungsklage des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) und des Kooperationspartners ADAC angeschlossen.

Das können sie nach wie vor tun. Erst wenn die mündliche Verhandlung beginnt, wird das Klageregister beim Bundesamt für Justiz geschlossen. Ob es für betroffene Verbraucher jedoch noch sinnvoll ist zu klagen, hänge immer vom Einzelfall ab, sagt Klaus Müller, Vorstand des vzbv. "Dabei spielt insbesondere die Frage der Verjährung eine Rolle. Man sollte sich dazu beraten lassen."

Neu ist, dass viele Anwälte nun bessere Chancen sehen, gegen VW am Ende auch zu gewinnen. Auftrieb gibt ihnen ein 19-seitiger sogenannter Hinweisbeschluss des Bundesgerichtshofs, der der ZEIT vorliegt. Er gibt einem VW-Geschädigten in wesentlichen Punkten recht. Ganz ohne höchstrichterliches Urteil. Denn das wurde auch in diesem Fall verhindert, weil der VW-Autohändler in letzter Minute einen Vergleich mit dem geschädigten Autobesitzer schloss.

"Für Kanzleien und Prozessbeobachter, die schon länger in diesem Bereich tätig sind, ist offensichtlich, dass VW versucht, ein Urteil des Bundesgerichtshofs zu vermeiden", sagt Verbraucherverbandsvertreter Müller.

Doch nun mischt sich der BGH per Hinweisbeschluss in die Debatte ein. Die Abschalteinrichtungen wertet das Gericht als einen "Sachmangel". Die Begründung: Es bestehe "die Gefahr einer Betriebsuntersagung durch die für die Zulassung zum Straßenverkehr zuständige Behörde". Die Ohrfeige galt zunächst zwar dem Urteil des Oberlandesgerichts Bamberg, sie könnte aber auch für VW gewaltige Folgen haben. Die Ersatzlieferung eines mangelfreien Fahrzeugs sei keineswegs unmöglich, sie sei höchstens für den Verkäufer teuer.

"Das war ein klares politisches Signal", sagt Ralph Sauer von der Kanzlei Dr. Stoll & Sauer, die nach eigenen Angaben bundesweit mehr als 10.000 Gerichtsverfahren im Abgasskandal führt.

Zwar gehe von dem Hinweisbeschluss zunächst keine rechtlich bindende Wirkung aus. "Aber die Oberlandesgerichte werden sich nun zweimal überlegen, ob sie vorschnell zugunsten Volkswagens urteilen, um sich dann bei der Revision vor dem BGH eine blutige Nase zu holen", sagt Klägeranwalt Sauer.

Damit macht es sich Sauer jedoch zu leicht. Denn der Hinweisbeschluss bezieht sich auf eine Klage gegen einen einzelnen Händler. Für diesen kaufvertraglichen Streit war der 8. Senat des Gerichts zuständig (Kaufrecht). Wer hingegen – wie die allermeisten Kläger und auch die Kanzleien, die wie Dr. Stoll & Sauer Tausende Geschädigte vertreten – den Hersteller VW verklagt, der sieht den Prozessgegner am Ende vor dem 6. Senat (Recht der unerlaubten Handlung). "Der Hinweisbeschluss des 8. Senats wird von den Kollegen des 6. Senats nicht ignoriert, aber er ist auch nicht bindend. Das erklärt sich schon damit, dass die Maßstäbe an das Vertragsrecht andere sind als die für die unerlaubte Handlung, zu denen auch die sittenwidrige vorsätzliche Schädigung zählt, die dem Konzern Volkswagen vorgeworfen wird", sagt Dietlind Weinland, Sprecherin und Richterin am Bundesgerichtshof.

Markus Schäpe, Leiter der Juristischen Zentrale des ADAC, gibt zu bedenken, dass sich der Beschluss des BGH auf einen sehr seltenen Rechtsstreit bezieht. Ein Autokäufer, der den gleichen Wagen wiederhaben möchte, ein Software-Update nicht aufgespielt hat und dazu noch den Händler und nicht VW verklagt hat. "Der Hinweisbeschluss wurde für einen sehr speziellen Fall getroffen. Für die Mehrzahl der Betroffenen sind die Chancen im Prozess gegen den Hersteller weder gestiegen noch gesunken", sagt der Jurist.

Und Volkswagen? Ein Konzernsprecher teilt der ZEIT mit, dass das Unternehmen nicht auf Zeit spiele. "Spätestens Ende des Jahres wird es einen Prozess vor dem Bundesgerichtshof geben."