Im Namen des Sohnes

An einem Sonntagmorgen im Februar steht ein Mann an der Westmole des Hafens von Palma de Mallorca. Er ist hier, um ein Schiff zu taufen, auf den Namen seines verstorbenen Sohns. Tausende Kilometer ist er gereist, wochenlang hat er auf ein Visum gewartet, nur für diesen Tag. Er schleudert eine Flasche gegen den Bug. Scherben klirren, das Schiffshorn dröhnt. Ein paar Menschen applaudieren. Auf der anderen Seite der Bucht sieht man die Bettenburgen von Palma, die Bars und Badestrände. Der Mann wendet sich an die Crew des Schiffs: "Danke, dass Sie Leben retten", sagt er.

Der Mann heißt Abdullah Kurdi, er ist der Vater von Alan Kurdi, dem zweijährigen syrischen Jungen, der im September 2015 auf der Flucht nach Europa ertrank und dessen Leiche später an einem türkischen Strand gefunden wurde. Ein Kleinkind, bäuchlings in der Brandung, in blauer Hose und rotem T-Shirt – fast jeder kennt das Foto. Es wurde zur Ikone. Viele Menschen, die es sahen, spendeten Geld. Seeleute gründeten Rettungsvereine. Regierungschefs wie der Kanadier Justin Trudeau oder der Brite David Cameron beschlossen nach dem Anblick des toten Jungen, mehr Flüchtlinge legal ins Land zu lassen, um ihnen die Fahrt übers Meer zu ersparen. Vom "Alan-Kurdi-Effekt" war damals die Rede.

Von 2015 bis heute hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen mehr als 14.000 weitere Tote im Mittelmeer gezählt. Die meisten haben kein Foto hinterlassen, keinen Namen und keinen Effekt.

Auch deshalb steht Abdullah Kurdi nun vor dem Schriftzug mit dem Namen seines Sohns, weiße Buchstaben auf blauem Stahl. Die Alan Kurdi fährt unter deutscher Flagge, das Schiff gehört der Rettungsorganisation Sea-Eye, die ihren Sitz in Regensburg hat. Die Retter waren auf der Suche nach einem neuen Namen für ihr Schiff – und fragten Abdullah Kurdi, ob sie es nach seinem Sohn benennen dürften. Kurdi, der heute im Irak lebt, stimmte zu. Der Vorstand von Sea-Eye lud ihn zur Schiffstaufe ein, half bei der Beantragung des Visums, zahlte sein Flugticket. Erst wollte Abdullah Kurdi nicht kommen. Er sagt, er habe sich seit dem Tod seines Sohns nie wieder in die Nähe von Wasser getraut. Jetzt steht er an der Kaimauer, sieht, wie die Wellen an den Bug des Schiffes schwappen, und steckt sich, immer wenn ihm die Tränen kommen, eine Zigarette an.

Der Bischof von Mallorca hält eine Taufpredigt, in Windjacke und weißem Kollar. Er schwenkt ein silbernes Gefäß mit Weihwasser und besprenkelt die Alan Kurdi. Ein Vertreter der islamischen Gemeinden Spaniens segnet das Schiff. Die Sozialministerin der Balearen hält eine Rede: "Wir als Regierung zollen Sea-Eye und den anderen zivilen Rettern unseren Respekt", sagt sie. "Was zurzeit im Mittelmeer passiert, wird uns mit Scham erfüllen. Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um das Sterben zu verhindern."

Die Zeremonie, die an diesem Morgen im Hafen von Palma begangen wird, ist mehr als eine Schiffstaufe. Sie ist auch eine Totenfeier – und ein Politikum. Sie zielt mitten hinein in den erbittert geführten Streit um die Rolle der zivilen Retter im Mittelmeer. Jener Seeleute, Ärzte und Krankenschwestern, die je nach politischer Lesart humanitäre Helfer sind, die es zu unterstützen gilt – oder Komplizen der Schlepper, die Migranten aufs Meer locken und ins Gefängnis gehören.

Abdullah Kurdi kennt den Streit. Er hat gehört, dass die Retter von einigen europäischen Staaten wie Kriminelle behandelt werden, dass Schiffe beschlagnahmt und Kapitäne angezeigt wurden. Er weiß, was Europäer meinen, wenn sie vom "Pullfaktor" sprechen, von der Theorie, dass viele Menschen durch die Rettungsschiffe überhaupt erst ermuntert würden, hinaus aufs Meer zu fahren. Fragt man Kurdi, was er darüber denkt, schüttelt er den Kopf. "Denkt ihr wirklich, wir fahren raus aufs Meer, dann drücken wir auf einen Knopf: Hallo, Rettungsboot, jetzt bitte kommen – und dann ist alles gut? Denkt ihr wirklich, dass es so einfach ist? Wer auf so ein Boot steigt, der kann nicht anders."

Kurdi kennt die Videos, die in den letzten Monaten um die Welt gingen, von überfüllten Rettungsschiffen, die tagelang im Mittelmeer herumirrten, weil kein Hafen sie einlaufen ließ. Auch das nun nach seinem Sohn benannte Schiff von Sea-Eye trieb um den Jahreswechsel herum zehn Tage lang ziellos auf See, mit 17 Geretteten an Bord, teilweise bei Windstärke sieben. Malta und Italien verboten die Einfahrt, schließlich öffneten die Spanier den Hafen von Palma. Spanien ist eines der wenigen Länder, die noch bereit sind, Menschen aufzunehmen, die über das Meer nach Europa kommen. Deshalb liegt die Alan Kurdi, ein deutsches Schiff mit dem Namen eines syrischen Kindes, im Hafen einer spanischen Urlaubsinsel.

"Wir erreichen dort fast nie jemanden"

Das Bild des toten Alan Kurdi als Graffito © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Fünf Tage nach der Taufe stach die Alan Kurdi wieder in See. In der vergangenen Woche erreichte sie ihr Einsatzgebiet vor der libyschen Küste. Noch vor zwei Jahren kreuzten dort etwa ein Dutzend zivile Rettungsschiffe, dazu kamen Schiffe der italienischen Küstenwache, der europäischen Grenzschutzorganisation Frontex und der EU-Militäroperation "Sophia". Sie alle retteten Menschen, koordiniert von der italienischen Seenotleitstelle in Rom, die den Kapitänen über Funk Anweisungen gab.

Heute ist die Alan Kurdi das einzige zivile Rettungsschiff vor der libyschen Küste. Die Schiffe anderer Helfer dürfen oder können nicht mehr auslaufen. Auch die staatlichen Retter haben sich zurückgezogen. Wie weit, das wurde Ende Januar deutlich, als sich die deutsche Verteidigungsministern Ursula von der Leyen an die Öffentlichkeit wandte. Sie sprach über die Operation "Sophia", mit der die EU-Staaten Schlepper bekämpfen, Migranten retten und libysche Küstenwächter ausbilden wollen. Auch die Deutschen haben dafür Schiffe bereitgestellt, zuletzt eine Fregatte. Die Italiener aber hätten die Schiffe "in die entlegenste Ecke des Mittelmeers geschickt", beklagte von der Leyen, weit entfernt von den Routen der Migranten und Flüchtlinge. "Wir haben keinerlei sinnvolle Aufgabe da", sagte die Ministerin. Sie zog die Fregatte ab und will vorerst keine weiteren Schiffe schicken.

In Italien kamen lange die meisten Migranten und Flüchtlinge an. Jahrelang holten die Italiener die Menschen aus dem Meer, jahrelang baten sie die EU um Hilfe – oft vergeblich. Viele Gerettete haben keine Chance auf Flüchtlingsschutz, und viele EU-Staaten weigern sich, sie den Italienern abzunehmen. Nun ist in Italien der Hardliner Matteo Salvini Innenminister. Er lässt die Häfen sperren. Und er verlangt, dass die Geretteten nicht mehr nach Europa, sondern zurück nach Libyen gebracht werden. Dort aber droht den Menschen Folter. Sie dorthin zurückzuschicken verstieße gegen das sogenannte Völkergewohnheitsrecht. Rettungsorganisationen wie Sea-Eye wollen die Menschen deshalb weiter in europäische Häfen bringen. Die EU-Staaten dagegen wollen, dass die Libyer die Migranten abfangen – bevor sie überhaupt ein europäisches Schiff erreichen.

In den vergangenen Jahren kümmerten sich um das Seegebiet vor der libyschen Küste die Italiener, weil es im zerfallenen Staat Libyen keine funktionstüchtige Seenotleitstelle gab. Die Rettungseinsätze wurden – bis auf einen schmalen Streifen direkt vor der libyschen Küste – von Rom aus koordiniert. Gleichzeitig versuchten Italien, Deutschland und andere EU-Staaten, eine neue Leitstelle in Tripolis aufzubauen. Sie schickten Überwachungstechnik und Patrouillenboote, schulten mehr als 300 Angehörige der libyschen Marine und Küstenwache. Sie brachten ihnen bei, wie man Menschen rettet und Schiffe wartet. Sogar Kurse zu Genderfragen und Menschenrechten standen auf dem Stundenplan.

Im Sommer 2018 schließlich übergaben sie das Kommando an die Libyer. Seitdem müssen Kapitäne von Rettungsschiffen wie der Alan Kurdi nicht mehr in Rom anrufen, wenn sie ein Flüchtlingsboot erspähen, sondern in Tripolis. Das Problem ist nur: In der neuen Leitstelle geht bei Notrufen offenbar kaum einmal jemand ans Telefon. Das erzählt Gorden Isler am Rande der Schiffstaufe im Hafen von Palma. Isler ist Vorstand von Sea-Eye. "Wir haben mittlerweile sieben verschiedene Notrufnummern von der Leitstelle in Tripolis", sagt er. "Aber wir erreichen dort fast nie jemanden." Andere Rettungsorganisationen berichten, dass die wenigen libyschen Küstenwächter, die überhaupt ans Telefon gingen, nur Arabisch sprächen. Laut internationalen Richtlinien muss das Personal in den Leitstellen rund um die Uhr erreichbar sein – und Englisch sprechen.

Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von der Linkspartei hat Berichte wie die von Gorden Isler gesammelt. Im Januar hat er die Bundesregierung in einer Kleinen Anfrage damit konfrontiert. Die Regierung antwortete ihm, ihr seien "Berichte über Schwierigkeiten bei der elektronischen oder telefonischen Erreichbarkeit (...) der libyschen Küstenwache bekannt". Die Leitstelle in Tripolis befinde sich "noch im Aufbau". Auch dass es dort an Englischkenntnissen mangelt, weiß die Bundesregierung. Sie schlägt vor, "im Rahmen der weiteren Ausbildungsmaßnahmen entsprechende Sprachschulungen zu intensivieren". Hunko sagt: "Jede weitere Ausbildung dient lediglich dazu, die sogenannte libysche Küstenwache als Türsteher der Europäischen Union aufzubauen. Die Libyer werden geschult, aber sie wenden die Kenntnisse nicht an. Ihre Einsätze verlaufen weiterhin unprofessionell, brutal und häufig tödlich."

Abdullah Kurdi verlor nicht nur Alan

Seit Jahren berichten Retter und Überlebende von Pannen und Zwischenfällen bei der libyschen Küstenwache. Von schlecht ausgerüsteten Schiffen, von Küstenwächtern, die Rettungsmanöver stören und Migranten mit Waffen bedrohen. Einer dieser Zwischenfälle liegt mittlerweile beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er ereignete sich im November 2017 und ist mit Fotos und Videos dokumentiert. Die Libyer sollen damals eine Rettungsaktion der deutschen Organisation Sea-Watch behindert haben. Mehrere Menschen starben, auch ein kleines Kind. Eine deutsche Ärztin, die damals dabei war, hat das Kind nach eigenen Angaben eine Dreiviertelstunde lang zu reanimieren versucht. Das Kind sei keine drei Jahre alt gewesen, sagt sie. So alt wie Alan Kurdi.

Die Bundesregierung verlässt sich bis heute dennoch auf die Libyer. Mitte Januar, während einer Debatte im Bundestag, verwies der Außenpolitiker Nikolas Löbel von der CDU auf die vielen Tausend Migranten und Flüchtlinge, die die libysche Küstenwache im vergangenen Jahr gerettet hat. "Sie hilft den Menschen", sagte er. Die Ausbildung der Libyer verlaufe "erfolgreich".

Als die EU-Staaten mit dem Aufbau der Leitstelle in Tripolis begannen, hatten sie verabredet, den Libyern auf die Finger zu schauen. Doch die vereinbarten Kontrollen finden nicht statt. Das geht aus einem vertraulichen Bericht hervor, den der Kommandant der Operation "Sophia" Ende Dezember an die Mitgliedsstaaten der EU verschickt hat. Der Bericht liegt der ZEIT vor. Darin steht, die Überwachung der Libyer sei zwischen Mai und November 2018 aus "Sicherheits- und administrativen Gründen" ausgefallen. Genau in der Jahreszeit, in der besonders viele Boote ablegen – und besonders viele Menschen sterben.

Der Kommandant schreibt in seinem Bericht noch von einem anderen Problem: Die Menschen, die in Libyen ablegen, setzen ihre Notrufe neuerdings immer später oder gar nicht mehr ab – aus Sorge, von den Libyern abgefangen zu werden. Sie versuchen stattdessen, ohne die Hilfe von Rettungsschiffen bis nach Lampedusa oder Malta zu fahren.

Genau so war es vor 2015 – bevor die Rettungsschiffe vor die libysche Küste fuhren. Damals wurden viele Migranten und Flüchtlinge von Handelsschiffen aus dem Wasser gezogen, von Containerfrachtern etwa, die für die Rettung von Menschen nicht geeignet sind. Die See um Malta und Lampedusa ist eine der meistbefahrenen Handelsrouten der Welt. Allein 2014 retteten Handelsschiffe dort mehr als 40.000 Menschen. Der Sprecher des deutschen Reederverbands sagt: "Wir haben Sorge, dass sich eine Situation wie damals wiederholt." Er warnt vor hohen Kosten für die Reeder – und vor "erheblichen seelischen Belastungen auch für die Seeleute".

Von der libyschen Küste bis nach Lampedusa sind es rund 300 Kilometer. Die Überfahrt in einem Holz- oder Schlauchboot kann selbst bei gutem Wetter mehr als eine Woche dauern.

Abdullah Kurdi trieb, nachdem sein Sohn Alan ihm aus der Hand geglitten und ertrunken war, noch etwa drei Stunden im Meer. Erst war er panisch, dann erschöpft, festgeklammert an eine Kühlbox, die im Wasser schwamm. So erzählt er es, als er nach der Schiffstaufe in seinem Hotel in Palma sitzt. Schließlich hätten ihn europäische Küstenwächter auf ihr Rettungsboot gezogen. "Ich wusste vorher nicht, dass es dort Rettungsboote gibt", sagt Kurdi. "Rausgefahren bin ich trotzdem."

Kurdi sagt, er hoffe, dass der Name seines Sohnes die Politiker vielleicht ein zweites Mal berühren könne. Ohne Namen und ohne Bilder, sagt er, würden die Menschen hinter den Toten verschwinden. Er weiß, wovon er spricht. Kurdi hatte sich im September 2015 mit seiner ganzen Familie hinaus aufs Meer gewagt. Er hat damals nicht nur Alan verloren. Er verlor auch seinen zweiten Sohn Ghalib und seine Ehefrau Rehanna. Von ihnen gab es keine Fotos.