Das Bild des toten Alan Kurdi als Graffito © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Fünf Tage nach der Taufe stach die Alan Kurdi wieder in See. In der vergangenen Woche erreichte sie ihr Einsatzgebiet vor der libyschen Küste. Noch vor zwei Jahren kreuzten dort etwa ein Dutzend zivile Rettungsschiffe, dazu kamen Schiffe der italienischen Küstenwache, der europäischen Grenzschutzorganisation Frontex und der EU-Militäroperation "Sophia". Sie alle retteten Menschen, koordiniert von der italienischen Seenotleitstelle in Rom, die den Kapitänen über Funk Anweisungen gab.

Heute ist die Alan Kurdi das einzige zivile Rettungsschiff vor der libyschen Küste. Die Schiffe anderer Helfer dürfen oder können nicht mehr auslaufen. Auch die staatlichen Retter haben sich zurückgezogen. Wie weit, das wurde Ende Januar deutlich, als sich die deutsche Verteidigungsministern Ursula von der Leyen an die Öffentlichkeit wandte. Sie sprach über die Operation "Sophia", mit der die EU-Staaten Schlepper bekämpfen, Migranten retten und libysche Küstenwächter ausbilden wollen. Auch die Deutschen haben dafür Schiffe bereitgestellt, zuletzt eine Fregatte. Die Italiener aber hätten die Schiffe "in die entlegenste Ecke des Mittelmeers geschickt", beklagte von der Leyen, weit entfernt von den Routen der Migranten und Flüchtlinge. "Wir haben keinerlei sinnvolle Aufgabe da", sagte die Ministerin. Sie zog die Fregatte ab und will vorerst keine weiteren Schiffe schicken.

In Italien kamen lange die meisten Migranten und Flüchtlinge an. Jahrelang holten die Italiener die Menschen aus dem Meer, jahrelang baten sie die EU um Hilfe – oft vergeblich. Viele Gerettete haben keine Chance auf Flüchtlingsschutz, und viele EU-Staaten weigern sich, sie den Italienern abzunehmen. Nun ist in Italien der Hardliner Matteo Salvini Innenminister. Er lässt die Häfen sperren. Und er verlangt, dass die Geretteten nicht mehr nach Europa, sondern zurück nach Libyen gebracht werden. Dort aber droht den Menschen Folter. Sie dorthin zurückzuschicken verstieße gegen das sogenannte Völkergewohnheitsrecht. Rettungsorganisationen wie Sea-Eye wollen die Menschen deshalb weiter in europäische Häfen bringen. Die EU-Staaten dagegen wollen, dass die Libyer die Migranten abfangen – bevor sie überhaupt ein europäisches Schiff erreichen.

In den vergangenen Jahren kümmerten sich um das Seegebiet vor der libyschen Küste die Italiener, weil es im zerfallenen Staat Libyen keine funktionstüchtige Seenotleitstelle gab. Die Rettungseinsätze wurden – bis auf einen schmalen Streifen direkt vor der libyschen Küste – von Rom aus koordiniert. Gleichzeitig versuchten Italien, Deutschland und andere EU-Staaten, eine neue Leitstelle in Tripolis aufzubauen. Sie schickten Überwachungstechnik und Patrouillenboote, schulten mehr als 300 Angehörige der libyschen Marine und Küstenwache. Sie brachten ihnen bei, wie man Menschen rettet und Schiffe wartet. Sogar Kurse zu Genderfragen und Menschenrechten standen auf dem Stundenplan.

Im Sommer 2018 schließlich übergaben sie das Kommando an die Libyer. Seitdem müssen Kapitäne von Rettungsschiffen wie der Alan Kurdi nicht mehr in Rom anrufen, wenn sie ein Flüchtlingsboot erspähen, sondern in Tripolis. Das Problem ist nur: In der neuen Leitstelle geht bei Notrufen offenbar kaum einmal jemand ans Telefon. Das erzählt Gorden Isler am Rande der Schiffstaufe im Hafen von Palma. Isler ist Vorstand von Sea-Eye. "Wir haben mittlerweile sieben verschiedene Notrufnummern von der Leitstelle in Tripolis", sagt er. "Aber wir erreichen dort fast nie jemanden." Andere Rettungsorganisationen berichten, dass die wenigen libyschen Küstenwächter, die überhaupt ans Telefon gingen, nur Arabisch sprächen. Laut internationalen Richtlinien muss das Personal in den Leitstellen rund um die Uhr erreichbar sein – und Englisch sprechen.

Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von der Linkspartei hat Berichte wie die von Gorden Isler gesammelt. Im Januar hat er die Bundesregierung in einer Kleinen Anfrage damit konfrontiert. Die Regierung antwortete ihm, ihr seien "Berichte über Schwierigkeiten bei der elektronischen oder telefonischen Erreichbarkeit (...) der libyschen Küstenwache bekannt". Die Leitstelle in Tripolis befinde sich "noch im Aufbau". Auch dass es dort an Englischkenntnissen mangelt, weiß die Bundesregierung. Sie schlägt vor, "im Rahmen der weiteren Ausbildungsmaßnahmen entsprechende Sprachschulungen zu intensivieren". Hunko sagt: "Jede weitere Ausbildung dient lediglich dazu, die sogenannte libysche Küstenwache als Türsteher der Europäischen Union aufzubauen. Die Libyer werden geschult, aber sie wenden die Kenntnisse nicht an. Ihre Einsätze verlaufen weiterhin unprofessionell, brutal und häufig tödlich."