Seit Jahren berichten Retter und Überlebende von Pannen und Zwischenfällen bei der libyschen Küstenwache. Von schlecht ausgerüsteten Schiffen, von Küstenwächtern, die Rettungsmanöver stören und Migranten mit Waffen bedrohen. Einer dieser Zwischenfälle liegt mittlerweile beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er ereignete sich im November 2017 und ist mit Fotos und Videos dokumentiert. Die Libyer sollen damals eine Rettungsaktion der deutschen Organisation Sea-Watch behindert haben. Mehrere Menschen starben, auch ein kleines Kind. Eine deutsche Ärztin, die damals dabei war, hat das Kind nach eigenen Angaben eine Dreiviertelstunde lang zu reanimieren versucht. Das Kind sei keine drei Jahre alt gewesen, sagt sie. So alt wie Alan Kurdi.

Die Bundesregierung verlässt sich bis heute dennoch auf die Libyer. Mitte Januar, während einer Debatte im Bundestag, verwies der Außenpolitiker Nikolas Löbel von der CDU auf die vielen Tausend Migranten und Flüchtlinge, die die libysche Küstenwache im vergangenen Jahr gerettet hat. "Sie hilft den Menschen", sagte er. Die Ausbildung der Libyer verlaufe "erfolgreich".

Als die EU-Staaten mit dem Aufbau der Leitstelle in Tripolis begannen, hatten sie verabredet, den Libyern auf die Finger zu schauen. Doch die vereinbarten Kontrollen finden nicht statt. Das geht aus einem vertraulichen Bericht hervor, den der Kommandant der Operation "Sophia" Ende Dezember an die Mitgliedsstaaten der EU verschickt hat. Der Bericht liegt der ZEIT vor. Darin steht, die Überwachung der Libyer sei zwischen Mai und November 2018 aus "Sicherheits- und administrativen Gründen" ausgefallen. Genau in der Jahreszeit, in der besonders viele Boote ablegen – und besonders viele Menschen sterben.

Der Kommandant schreibt in seinem Bericht noch von einem anderen Problem: Die Menschen, die in Libyen ablegen, setzen ihre Notrufe neuerdings immer später oder gar nicht mehr ab – aus Sorge, von den Libyern abgefangen zu werden. Sie versuchen stattdessen, ohne die Hilfe von Rettungsschiffen bis nach Lampedusa oder Malta zu fahren.

Genau so war es vor 2015 – bevor die Rettungsschiffe vor die libysche Küste fuhren. Damals wurden viele Migranten und Flüchtlinge von Handelsschiffen aus dem Wasser gezogen, von Containerfrachtern etwa, die für die Rettung von Menschen nicht geeignet sind. Die See um Malta und Lampedusa ist eine der meistbefahrenen Handelsrouten der Welt. Allein 2014 retteten Handelsschiffe dort mehr als 40.000 Menschen. Der Sprecher des deutschen Reederverbands sagt: "Wir haben Sorge, dass sich eine Situation wie damals wiederholt." Er warnt vor hohen Kosten für die Reeder – und vor "erheblichen seelischen Belastungen auch für die Seeleute".

Von der libyschen Küste bis nach Lampedusa sind es rund 300 Kilometer. Die Überfahrt in einem Holz- oder Schlauchboot kann selbst bei gutem Wetter mehr als eine Woche dauern.

Abdullah Kurdi trieb, nachdem sein Sohn Alan ihm aus der Hand geglitten und ertrunken war, noch etwa drei Stunden im Meer. Erst war er panisch, dann erschöpft, festgeklammert an eine Kühlbox, die im Wasser schwamm. So erzählt er es, als er nach der Schiffstaufe in seinem Hotel in Palma sitzt. Schließlich hätten ihn europäische Küstenwächter auf ihr Rettungsboot gezogen. "Ich wusste vorher nicht, dass es dort Rettungsboote gibt", sagt Kurdi. "Rausgefahren bin ich trotzdem."

Kurdi sagt, er hoffe, dass der Name seines Sohnes die Politiker vielleicht ein zweites Mal berühren könne. Ohne Namen und ohne Bilder, sagt er, würden die Menschen hinter den Toten verschwinden. Er weiß, wovon er spricht. Kurdi hatte sich im September 2015 mit seiner ganzen Familie hinaus aufs Meer gewagt. Er hat damals nicht nur Alan verloren. Er verlor auch seinen zweiten Sohn Ghalib und seine Ehefrau Rehanna. Von ihnen gab es keine Fotos.