Es ist der erste Sonntag in den Herbstferien, und einen schöneren Sonntag könne man sich nicht vorstellen, sagt sie. Sie stehen auf und machen Musik, zwei, drei Stunden lang im Wohnzimmer. Sie singt, ihr Lebensgefährte am Klavier. Die kleine Tochter rasselt mit afrikanischen Rasseln, und ihr Sohn, der Sechzehnjährige, singt auch. Das Hallelujah von Leonard Cohen, später setzt er sich selbst ans Klavier, Chopin, die Mondscheinsonate. Sie vergessen die Zeit, wie häufig in den vergangenen Jahren. Am Nachmittag kommt seine Freundin vorbei, sie ziehen die Tür seines Zimmers zu, die anderen drei machen Pizza. Nach dem Essen geht der Sohn mit der Freundin raus, ins Kino wollen sie, Bridget Jones, der dritte Teil. Es wird ruhiger in der Wohnung, sie setzt sich aufs Sofa, liest, es wird dunkel, es wird spät, sie wundert sich, noch nichts gehört von ihm, sie wird unruhig. Das passt nicht zu ihm, er bleibt nicht so lange weg, und wenn, meldet er sich. Eine Nachricht auf WhatsApp, sie kann sehen, dass sie nicht ankommt. Eine SMS hinterher: Victor, was ist los, ich mach mir jetzt wirklich Sorgen! Victor meldet sich nicht. Sie fragt ihren Lebensgefährten, ob sie hysterisch sei, wenn sie die Polizei anrufe. Da klingelt es an der Tür. Sie sieht, wie ihr Lebensgefährte in der Küche versteinert stehen bleibt, geht zur Tür, nimmt den Hörer der Sprechanlage, eine Stimme: Hier ist die Polizei. Sie drückt auf den Knopf, öffnet die Wohnungstür, geht ans Geländer, vierter Stock, schaut runter, sechs Menschen, drei oder vier von ihnen tragen gelbe Westen. Sie kann sich nicht erinnern, was sie in dem Moment gemacht hat, alles weg. Aber ihr Lebensgefährte sagt: Sie habe geschrien, unfassbar geschrien.

"Er war ein fantasievolles Kind, konnte sich stundenlang in sein Zimmer einschließen und in Welten eintauchen", sagt Véronique Elling, 43, über ihren ermordeten Sohn. © Roman Pawlowski für DIE ZEIT

Die Polizei und die Menschen in gelben Westen gehen die Treppe hoch, für sie fühlt es sich an, als dauere es eine Ewigkeit. Sind Sie die Mutter von Victor Elling? Ja, sagt sie und denkt: Er muss angefahren worden sein, liegt im Krankenhaus, wir können ihn gleich besuchen. Sie hört: Ich muss Ihnen leider sagen, Ihr Sohn ist verstorben.

Das kann nicht sein, sagte ich, er war gerade noch hier, er kommt gleich, er müsste jeden Augenblick da sein. So ein Scheiß kommt dann raus. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, zehn Minuten oder eine Stunde, bis ich gefragt habe: Was ist passiert? – Er ist erstochen worden. – Ne, das stimmt nicht. – Doch, wir sind uns sicher, keine Verwechslung möglich. Ich wollte ihn sehen, sofort. Als Mutter war es das schlimmste Gefühl, nicht bei ihm zu sein. Sie haben mit dem Krankenhaus telefoniert und das organisiert. Aber es dauerte. Ich saß auf dem Sofa und habe geheult. Die Seelsorger waren bei mir und haben mir immer wieder gesagt, dass ich Wasser trinken soll. Ich habe gehorcht. Mehr konnte ich nicht. Ich war wie ferngesteuert.

Zwei Tage später, am 18. Oktober 2016, machten die Zeitungen in Hamburg mit großen Schlagzeilen auf. "Messermord an der Alster", titelte die Bild. "Mord unter der Kennedybrücke – ein Fall voller Rätsel", schrieb das Abendblatt. Wochenlang berichteten Medien bundesweit über Victors Tod. Ein Jugendlicher, erstochen von einem Unbekannten, und das an diesem Ort! Eine Runde um die Außenalster – für Touristen ist das eine Attraktion, für viele Bürger Hamburgs die tägliche Joggingstrecke. Wie kann ausgerechnet hier, mitten im Zentrum der Stadt, eine solch grausame Tat geschehen?

Victor und seine Freundin wollten ins Savoy-Kino auf dem Steindamm. Der Film lief dort aber noch nicht, sie hatten sich vertan. Es war ein milder Abend, sie gingen zu Fuß zurück Richtung Grindelviertel. An der Alster setzten sie sich, er hinter sie. Ein Mann näherte sich ihnen unbemerkt von hinten, er stieß die Freundin ins Wasser, von dort musste sie mit ansehen, wie er auf ihren Freund einstach. Der Mann verschwand so schnell, wie er gekommen war. Victor starb im Krankenhaus.

Die Polizei veröffentlichte in den nächsten Tagen ein Phantombild und suchte nach einem Mann zwischen 23 und 25 Jahren mit tiefschwarzen Augen und einem Dreitagebart. Die Fahndung brachte keinen Erfolg. Zwei Wochen nach der Tat bekannte sich der "Islamische Staat" über seinen Propagandakanal Amaq zu der Tat: Einer seiner Soldaten habe den Angriff verübt. Der Mord an der Alster wurde nun weltweit bekannt. Sonderermittler kümmerten sich um den Fall. Mit Flugblättern fahndete die Polizei nach dem Täter. Sie schrieb 11.000 Ärzte in der Stadt an, weil sie davon ausging, dass der Täter sich selbst an der Hand verletzt hatte. Sie stellte am Tatort einen Briefkasten auf, für Hinweise von Passanten. Später brachte Aktenzeichen XY einen Beitrag. Alles vergebens. Dass es der "Islamische Staat" war, hielt die Polizei schnell für sehr unwahrscheinlich. Da bislang aber keine Spur zu einem Täter führte, ist auch das noch möglich. Mehr als zwei Jahre nach seinem Tod ist völlig unklar, wer Victor Elling ermordet hat.

Eine Mutter verliert ihren Sohn. Und niemand findet heraus, wer es war. Wie lebt sie mit diesem Verlust? Mit dieser Ungewissheit?

Véronique Elling ist bereit, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie findet, dass Trauer in dieser Gesellschaft viel zu wenig Raum einnehmen darf. Dass sie verschämt versteckt wird, auch wenn sie präsent ist im Leben vieler Menschen. Zehn Mal trifft sich Elling mit der ZEIT in den vergangenen zwei Jahren. Jedes Mal im Restaurant des Abaton-Kinos. Jedes Mal trägt sie Schwarz. Jedes Mal spricht sie sehr bedächtig, sehr ruhig, auf der Suche nach den besten Worten für Gefühle, die sich kaum in Worte fassen lassen.