Die Stellungnahmen beziehen sich auf das Interview mit Günter Nooke aus der Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 10/2019.

Bernhard Vogel, CDU-Ministerpräsident Thüringens von 1992 bis 2003

"Es mag schon sein, dass ich in den Neunzigerjahren eingeschritten bin, wenn jemand wieder nur vom 'Osten' und seinen Problemen redete, aber vergaß, dass es 'den Osten' so gar nicht gibt. Ich war immer der Meinung, dass der Westen kein Einheitswesten ist – der Osten ebenfalls kein Einheitsosten. Unser Bestreben war es nach 1990, die Thüringer Identität zu stärken. So, wie ich es auch aus Rheinland-Pfalz gewohnt war: Ein Landesbewusstsein sollte entwickelt werden! Das war mir in der Anfangszeit wichtiger, als immer über Ostdeutschland zu sprechen. Ich wollte weg davon, dass man alle Probleme zu Ossi-Problemen erklärt. Ich war und bin der Ansicht, dass Schleswig-Holstein anders ist als Bayern. Aber auch, dass sich Thüringen von Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern unterscheidet. Je weiter der Mauerfall zurücklag, desto wichtiger wurden die landestypischen Eigenarten innerhalb des Ostens; desto unterschiedlicher entwickelten sich die ostdeutschen Länder. Das zu betonen und Thüringen als Land in der Mitte Deutschlands zu verankern – das war mir wichtig. Nun könnten Sie sagen: Es wäre schon damals wichtig gewesen, mehr über ostdeutsche Identität zu sprechen. Das mag sein, aber die Stimmung war eine andere. Die DDR wollte man hinter sich lassen, nicht alles von ihr her definieren.

Heute gibt es gute Gründe, dass wir wieder stärker über die Unterschiede zwischen Ost und West diskutieren. Auch wenn die Wiedervereinigung alles in allem gelungen ist, haben sich mehr Verschiedenheiten erhalten, als viele erwartet hätten. Der Vermögensstand im Osten wird noch über Jahre anders sein als derjenige im Westen. Auch die Einstellung zur Demokratie unterscheidet sich. Besonders ärgerlich ist es, dass so viele Spitzenämter weiterhin von Westdeutschen besetzt sind. Andererseits ist vieles im Osten längst besser als im Westen! Schauen Sie sich nur die Autobahnen an. Früher hörte die Autobahn an der hessischen Grenze zu Thüringen auf. Inzwischen ist sie von der Thüringer Grenze an sechsspurig ausgebaut, und die Hessen sind neidisch. Oder die ICE-Strecke durch Thüringen! Das war gar nicht so leicht, sie in den Neunzigerjahren gegen den Widerstand der Sachsen durchzusetzen. Da war es wichtig, für Thüringer Interessen einzutreten. Das heißt nicht, dass wir nicht auch mit Sachsen eng zusammengearbeitet hätten. Die finanziellen Probleme des Ostens haben wir ostdeutschen Ministerpräsidenten immer gemeinschaftlich vertreten. Wir sind sehr häufig zusammengekommen. Vielleicht kann man heute, mit mehr Abstand zur DDR, noch sachbezogener über spezifische ostdeutsche Fragen diskutieren, als es uns damals möglich war."

Wolfgang Böhmer, CDU-Ministerpräsident Sachsen-Anhalts von 2002 bis 2011

"Ich war in meiner Zeit als Ministerpräsident immer der Meinung, dass wir als Ostdeutsche nicht um Anerkennung betteln sollten. Ich wollte schlicht und ergreifend das tun, wofür ich gewählt war: die Interessen meines Landes zu vertreten. Nach meinem Dafürhalten hatten damals alle Ministerpräsidenten der neuen Länder diese Philosophie. Wir wollten nach den üblichen Regeln der bundesrepublikanischen Politik agieren. Und diese Regeln besagen, dass zunächst ein jeder für sich kämpft. Dann, wenn die Interessen sich überschneiden, kämpft man eben zusammen.

Wenn es um Förderprogramme ging – also um die Frage, wofür es wie viel Geld gibt –, dann hatten alle fünf neuen Länder oft gemeinsame Ziele. Deswegen haben wir versucht, punktuell zusammenzuarbeiten. Leicht war das nicht immer, denn die Ost-Regierungen wurden ja von unterschiedlichen Parteien angeführt. Es gab schon damals eine Beratungsrunde der Ost-Ministerpräsidenten. Das war kein offizielles Gremium, sondern schlicht ein regelmäßiges Treffen. Manche im Westen des Landes beschwerten sich darüber, aber das hat uns nicht gegrämt. Wenn sich die Regierungschefs von Bayern und Baden-Württemberg getroffen haben, dann haben wir das auch nicht beklagt.

Schon früher habe ich mich aber gefragt, warum es das Amt eines Ostbeauftragten gibt. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir das abgeschafft. Es suggeriert eine spezielle Bedürftigkeit, die nicht gegeben ist. Das muss ich ganz nüchtern so sagen. Wir als Ostdeutsche wurden innerhalb der CDU ernst genommen, wenn wir ein plausibles gemeinsames Anliegen hatten. Das ist auch verständlich. Es kann nicht jeder behaupten, er sei der Nabel der Welt.

Natürlich stimmt es, dass Ostdeutsche 1989/90 noch nicht erfahren genug waren, um in jeder Hinsicht die größten Vorteile für sich zu erkämpfen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen: Mich nervt das empörte Zurückschauen ein bisschen, das jetzt in Mode gekommen ist. Mein Ministerpräsidenten-Kollege Bernhard Vogel aus Thüringen hat einmal gesagt: ›Bei der nächsten Wiedervereinigung machen wir alles besser.‹ Sich heute hinzustellen und nachträglich aufzulisten, was damals hätte auch anders gemacht werden können – was soll das? Selbst wenn wir sagen, dies war damals ein Fehler und jenes auch – das ändert doch heute nichts mehr. Vom Standpunkt des Besserwissers eine verspätete Abrechnung zu machen, ist aus meiner Sicht keine ernsthafte zeitgeschichtliche Aufarbeitung.

So ist für mich die dauernde Befindlichkeitsdiskussion und das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, eine Form von Selbstmitleid, die mir unwürdig erscheint. Wir als Ostdeutsche haben Milliarden bekommen, wir haben sicher auch Fehler gemacht. Und nun ist es, wie es ist. Wenn wir uns aber vor Augen führen, wie viel Geld von West nach Ost transferiert wurde, dann ist es nicht angemessen, sich aufs Jammern zu verlegen.

Dass es noch Unterschiede zwischen Ost und West gibt, weiß ich. Ich finde das nicht so furchtbar schlimm. Auch im westlichen Teil Deutschlands gibt es zwischen Süd und Nord Unterschiede, unter denen die Betroffenen nicht öffentlich leiden. So muss auch niemand darunter leiden, ein Ostdeutscher zu sein."