Die 190 Bischöfe blieben unter sich. Bis zuletzt. Vier Tage lang schotteten sie sich auf dem viertägigen Gipfel zum sexuellen Missbrauch in Rom ab. Zwar wurden die Bußmesse am Samstagabend und auch der Abschlussgottesdienst mit der umstrittenen Rede von Papst Franziskus vom Vatikanfernsehen übertragen. De facto fanden sie aber im kleinen Kreis in der Sala Regia statt – ausgerechnet in einem der Prachtsäle im Apostolischen Palast.

Man kann den Eindruck haben, dass das Thema sexueller Missbrauch aus Sicht der katholischen Kirche immer noch eines ist, das die übrige Welt nur bis zu einem gewissen Grad etwas angeht. Weil es so ungeheuerlich ist, aber auch, weil diese Ungeheuerlichkeit offenbar weiterhin vor allem in den eigenen vier Wänden besprochen werden soll. Der Vatikan begründete die Ortswahl mit Platzproblemen, wahrscheinlich wollte man auf diese Weise auch spektakuläre Protestaktionen verhindern. Aber sosehr die höchsten Momente der Veranstaltung sich im Kämmerchen der kirchlichen Elite abspielten, so sehr spiegelte diese Wahl auch das Ergebnis des Gipfels wider. Die Betroffenen und in Rom anwesenden Opferverbände reagierten entsetzt. Am deutlichsten wurde die italienische Betroffenenorganisation Rete L’Abuso. "Null Glaubwürdigkeit. Die Kirche ist am Ende. Gehet hin in Frieden." So überschrieb sie ihre Pressemeldung zum Abschluss.

Gut möglich, dass eines der größten Hindernisse für mehr Offenheit und Veränderungswillen schlicht die Verstrickung des Führungspersonals der Kirche ist. Zwei Mitgliedern des Organisationskomitees und offiziellen Rednern der Veranstaltung wurde zuletzt vorgeworfen, selbst zu belastet für ihre Aufgabe zu sein. Der Erzbischof von Mumbai, Oswald Gracias, soll Anzeigen von Opfern keine Beachtung geschenkt haben, weist diese Vorwürfe allerdings zurück. Der Chicagoer Erzbischof, Blase J. Kardinal Cupich, gilt als Zögling Theodore McCarricks.

Den 88-jährigen McCarrick hatte Franziskus erst wenige Tage vor dem Gipfel in den Laienstand versetzt. Dass der Amerikaner, einst ein Weggefährte des Papstes, mit Seminaristen Sex hatte, wussten viele in der Hierarchie, später konkretisierten sich auch die Vorwürfe der Vergewaltigung von Messdienern. Dass Franziskus aus dem einflussreichen ehemaligen Erzbischof von Washington wieder den einfachen Herrn McCarrick machte, ließ aufhorchen. Auch wenn Kirchenvertreter Franziskus vorwerfen, bereits 2013 über den Kardinal im Bilde gewesen zu sein und nichts unternommen zu haben. In dieselbe Richtung gehen auch die Vermutungen, Franziskus habe seinen Landsmann, Bischof Gustavo Zanchetta, gedeckt, der, obwohl gegen ihn Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Seminaristen vorlagen, vom Vatikan erst krankgeschrieben und dann als Verantwortlicher in die vatikanische Güterverwaltung aufgenommen wurde.

Dabei hatte noch der Konferenzauftakt selbst viele Kritiker positiv überrascht: Gleich am ersten Tag sahen die 190 Teilnehmer auf Video die Aussagen von fünf Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester. Juan Carlos Cruz, ein Betroffener, der wegen seiner Beständigkeit bei der Anklage der Täter und Vertuscher in Chile gewiss mitverantwortlich dafür ist, dass die Konferenz überhaupt stattfinden konnte, sagte dem Papst und seinen Männern den härtesten vorstellbaren Satz ins Gesicht: "Ihr seid die Ärzte der Seele, und doch habt ihr euch in manchen Fällen mit seltenen Ausnahmen in Mörder der Seele verwandelt, in Mörder des Glaubens." Die mächtigsten Kirchenmänner der Welt saßen da wie auf einer Anklagebank. Sollte hier tatsächlich die von vielen Gläubigen erhoffte Zeitenwende stattfinden? Für einen Moment fühlte es sich so an.

In Erinnerung bleiben auch die Tränen des philippinischen Kardinals Luis Antonio Tagle, der nicht mehr an sich halten konnte, als er die Wunden Christi mit den Wunden der Opfer verglich. Viele Konferenzteilnehmer sprachen in Rom so offen wie selten zuvor. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, gab im Plenum zu, dass Akten über Missbrauchsfälle "vernichtet oder gar nicht erst erstellt wurden". So einen Satz hatte man etwa in Italien noch nie von einem Kirchenführer gehört. Was in Deutschland nicht mehr viel Aufregung verursacht, weil die Geständnisse bereits erfolgten, schockierte internationale Beobachter regelrecht. Marx rührte auch an ein anderes Tabu, das päpstliche Geheimnis, das weiterhin als Vorwand dafür benutzt wird, die Missbrauchsfälle fern der Öffentlichkeit zu behandeln.

Man kann nicht behaupten, die Bischöfe hätten sich gemütliche Tage in Rom gemacht. Am vorletzten Konferenztag hielt die langjährige mexikanische Vatikankorrespondentin Valentina Alazraki im Plenum ihre Rede zum Thema Missbrauch und Kommunikation und provozierte die Anwesenden regelrecht: "Wenn ihr gegen diejenigen seid, die Missbrauch begehen oder decken, dann stehen wir auf derselben Seite", sagte die Journalistin. Wenn aber nicht, dann seien die Medien "eure größten Feinde". Es war dann doch auffällig, dass tags darauf Papst Franziskus in seiner trotzigen Abschlussrede, auf die viele als Dokument eines Paradigmenwechsels gehofft hatten, unbedingt auf "ideologische Polemiken und die journalistischen Kalküle" zu sprechen kommen musste. War er von der Deutlichkeit der auf der Konferenz gesprochenen Worte etwa gekränkt?