China, so stellt man sich das manchmal gern vor, wurde dazu verdammt, die Geschichte von Kapitalismus, Liberalismus, sogar von der Demokratisierung und ihrem Scheitern, von Boom und Krise, wie sie den Westen prägte, in kurzer Zeit und trotz der gewaltigen Größe des Landes oft auf engem Raum zu durchlaufen. Wenn man dann dort ist, mag man bemerken, dass dies auch nur eines von vielen möglichen Bildern ist. Aber eben das, was uns am meisten angeht. Und deswegen gibt es eine bestimmte Art von chinesischen Filmen, in die ein aufgeschlossenes und melancholisches westliches Publikum blickt wie in einen Spiegel.

Asche ist reines Weiß erzählt, wie alle Filme von Jia Zhangke, eine Geschichte an den Bruchlinien der Modernisierung. Genauer gesagt ist es eher das Zerfallen einer Geschichte an ihrer Zeit, so wie das Zerfallen von Subjekten, wovon der Film handelt.

Der erste Teil spielt im Milieu eines provinziellen Gangstertums. Bin (Liao Fan) ist ein lokaler Boss, der seine Hände im Glücksspiel und in der Grundstücksspekulation hat. Seine Braut ist Qiao (Zhao Tao), eine junge Frau aus bäuerlichem Milieu, die sich kleidet und gibt, als hätte sie ein paar Filme zu viel gesehen und ein paar Magazine zu viel betrachtet. Bin wird, so kennen wir das aus Gangsterfilmen, Opfer eines Generationswechsels. Einer seiner Auftraggeber wird ermordet, er selbst von jugendlichen Banden angegriffen. Bei einem zweiten Überfall nimmt Qiao die Pistole in die Hand, um die Angreifer in die Flucht zu schlagen.

Selbst das Gefängnis wird abgebrochen

Weil sie sich weigert, den Besitzer der Pistole zu nennen, landet Qiao für Jahre im Gefängnis, in das nur spärlich die Nachrichten von draußen und von raschen Veränderungen von Menschen und Verhältnissen dringen.

Der zweite Teil beschreibt ihre Reise ins Gebiet der drei Schluchten, wo der Bau des Staudamms Natur und Kultur gründlich verändert. Aber schon vorher geschah alles vor dem Hintergrund solcher gewaltsamen Umgestaltungen: Die Kultur der Gesetzlosen war nur zu verstehen als Symptom einer Region, in der das Ende der Bergbau-Industrie die Menschen entwurzelte, und selbst das Gefängnis wird gerade abgebrochen, um an anderem Ort neu errichtet zu werden. Qiao sucht Bin, der hier einen Platz im Kraftwerk-Business gefunden haben soll. Sie ist, wie man so sagt, ein anderer Mensch geworden, noch mehr freilich Bin. Einst ein kleiner Boss, ist er jetzt nur noch Anhängsel der neuen Clique der Gewinner: "Aus Gesetzlosen sind Unternehmer geworden." Die Loyalität, für die Qiao ins Gefängnis zu gehen bereit war, hat Bin nie aufgebracht. Er träumt davon, mit neuer Macht an seinen angestammten Ort zurückzukehren. Aber alles an ihm und um ihn ist nichts als Verrat.