Wir haben vier Menschen an einen Tisch geholt, die ganz unterschiedliche Erfahrungen und Ansichten zum Straßenverkehr in der Stadt haben: Neben zwei Experten, die bei der Verkehrsbehörde und beim ADAC arbeiten, sind dies Hamburgs oberster Spediteur und ein ZEIT-Leser, der sich bei uns gemeldet hat.

DIE ZEIT: Herr Mangelsdorff, Sie sitzen mit einem Vertreter der Hamburger Verkehrsbehörde an einem Tisch. Was wollten Sie einem wie ihm immer schon mal sagen?

Edgar Mangelsdorff: Die Hamburger Autofahrer leiden unter den Baustellen auf der A 7. Das hat auch Ihre Analyse in der ZEIT ergeben. Ich meine, bevor man die A 7 ausbaut, hätte erst mal weiter im Norden die A 20 gebaut werden müssen, als Umfahrungsmöglichkeit.

Carsten Butenschön: Die A 20 wird früher oder später kommen. Aber für den Ausbau der A 7 ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Denn wir sehen, wie sich der Verkehr in Hamburg entwickelt. Er wird eher zunehmen, jedenfalls auf den Hauptverkehrsrouten.

ZEIT: Herr van der Schalk, was sagen Sie als Logistiker: Hätte man mit dem A 7-Ausbau warten sollen, bis es die A 20 gibt?

Willem van der Schalk: Nein, im Gegenteil, das kommt viel zu spät! Für uns und für die gesamte Hafenlogistik ist die A 7 ein ganz wichtiger Verkehrsträger. Man hat vielleicht in der Vergangenheit den Fehler gemacht, dass man die Entwicklung des Verkehrsaufkommens unterschätzt hat.

Carsten Willms: Sie haben recht, der Autobahnausbau wurde lange vernachlässigt. Das haben die Vorgänger des heutigen Bundesverkehrsministers so entschieden. Von unseren Mitgliedern hören wir allerdings wenige Beschwerden über die A 7. Warum? Weil da alles gemacht wird, um Staus zu verhindern. Spuren werden verlegt, Fahrbahnen verbreitert, Geld spielt keine Rolle. Der Kardinalfehler bei der A 7, deren Ausbau Jahrzehnte dauert, ist, dass die A 1 als einzige echte Umfahrungsstrecke nicht fit ist. Auch dort entstehen regelmäßig Straßenschäden. Das war mit dem ADAC und anderen Verbänden anders abgesprochen worden.

Butenschön: Das ist sicherlich seinerzeit nicht weit genug betrachtet worden. Andererseits muss man auch mal die Zeitfenster sehen. Wenn eine Asphaltdecke auf einer hoch belasteten Autobahn wie der A 1 zehn Jahre hält, ist das lange. Und den Ausbau der A 7 von Stellingen bis Heimfeld schaffen wir nicht in zehn Jahren. Irgendwann wären Baumaßnahmen auf der A 1 ohnehin unvermeidlich geworden.

Van der Schalk: Wenn ich sehe, welche Fahrzeiten wir heute mit den Lkw auf der A 7 haben, haben wir schon viel gewonnen. Die Lkw kommen wesentlich schneller wieder zurück. Ansonsten sind bei der Instandhaltung der Autobahnen in der Vergangenheit sicherlich Fehler gemacht worden. Viel Geld ist früher eher nach Bayern gegangen als in den Norden. Und wir haben es mit Umweltverbänden zu tun, die teilweise händeringend Gründe suchen, den Autoverkehr und den Logistikverkehr zu stoppen.

ZEIT: Ganz Hamburg klagt über die Staus auf der A 7, aber Sie sagen, Ihre Lastwagen kommen schneller voran als noch vor einiger Zeit?

Van der Schalk: Ja. Natürlich sagen wir Logistiker nicht: Alles ist gut. Aber wir sehen die Bemühungen.

ZEIT: Gilt das auch für die Koordination der Baustellen, über die viel geklagt wird?

Van der Schalk: Jetzt bezieht man endlich neben den Behörden und den Bezirksämtern auch Hamburg Wasser und Hamburg Gas mit in die Koordination ein. Warum das nicht längst passiert war, hat niemand so richtig verstanden. Wieso konnte Hamburg Wasser oder Vattenfall oder wer auch immer eine Straße aufreißen, ohne dass es koordiniert wurde? Ich wohne in einer Gegend in Bergedorf, wo ich mal fast nicht nach Hamburg reinkam, weil auf allen Wegen nach Hamburg gebaut worden ist.

Butenschön: Die KOST gibt es schon lange ...

ZEIT: Die Koordinationsstelle für Baustellen.

Butenschön: Seit Mitte der 1980er-Jahre, und es ist nicht so, dass da nicht koordiniert wurde. Aber wenn unter dem Asphalt ein Wasserrohr bricht, haben wir im ganzen Umfeld Stau. Da ist nichts zu machen, und man kann dann auch nichts mehr koordinieren. Es geht nur um die planbaren Maßnahmen. Das neue Senatsprogramm sieht vor, dass alle Versorgungsträger dort intensiv mitarbeiten.

ZEIT: Warum musste man darauf bis zum Jahr 2018 warten?

Butenschön: Vor zehn Jahren hatten wir eine Weltwirtschaftskrise, da wurde wenig gebaut. Jetzt leben wir in einer absoluten Boomzeit, Hamburg bekommt jedes Jahr 10.000 neue Wohnungen und annähernd 20.000 neue Einwohner – jedes Jahr eine neue Kleinstadt. Dafür müssen wir die Infrastruktur schaffen und die vorhandene erhalten. All diese neuen Einwohner müssen sich in Hamburg auch bewegen. Das können wir auf den vorhandenen Straßen gar nicht leisten. Deswegen wird der ÖPNV ausgebaut, ebenso der Radverkehr. Das ist eine Riesenaufgabe, aber jetzt ist das Geld da, um sie zu erledigen. Deswegen haben wir so viele Baustellen.

Willms: Es stimmt, was Herr Butenschön sagt. Hamburg gibt 150 Millionen Euro für Straßeninstandhaltung aus, mehr als Berlin und Köln zusammen. Und es gibt "Roads", das ist ein Computersystem zur Baustellenplanung. Da sind die anderen Bundesländer richtig neidisch. Warum stehen wir im Stau? Weil wir was tun!

ZEIT: Herr Mangelsdorff, der ADAC ist zufrieden, sind Sie es auch?

Mangelsdorff: Ich bin sehr verwundert, dass alle so positiv über die Hamburger Bau-Koordination reden. Die B 431 aus der Stadt bis raus nach Rissen ist eine Dauer-Stau-Stelle. Kurz vor der Autobahn wird jetzt ein Studentenwohnheim oder irgendetwas gebaut, da ist eine Spur weggenommen worden, um die Baustelle zu beliefern. Kurz davor werden jetzt 200 Meter Leitung von HEW oder Vattenfall erneuert. Und dann ist da die Baustellenzufahrt zur A 7. Das sind drei Baustellen innerhalb von einem Kilometer. Ich verstehe nicht, wo die Koordination liegt.

Butenschön: Man sieht an dieser Stelle, wie vielfältig die Baustellen sind. Hier ein Kran, weil da ein Hochbau entsteht, dort eine Rohrleitung, die saniert werden muss, und dazu noch die Verlegung der Versorgungsleitungen im Bereich der A 7. Selbstverständlich ist dieser Eingriff belastend für die Verkehrsteilnehmer – da aber alle Maßnahmen untereinander verträglich sind, ist es auch eine Koordination, wenn drei passende Maßnahmen gleichzeitig realisiert werden. Die Alternative wären drei Baustellen zeitlich nacheinander.

Mangelsdorff: Was ich daran kritisiere, ist die Ampelschaltung. Die Straße ist jetzt einspurig, die Ampelschaltung bleibt aber, wie sie vorher war, für zweispurigen Verkehr.

Butenschön: Bei Baumaßnahmen stellen wir auch die Lichtsignalanlagen um, das ist eigentlich Standard.

Mangelsdorff: Das habe ich neulich anders erlebt. Ich habe da relativ lange gestanden.

Willms: Wie groß ein Problem ist, können wir als ADAC gut an den Beschwerden unserer Mitglieder ablesen. Wir haben in der Metropolregion Hamburg ungefähr 700.000 Mitglieder. Wenn im Elbtunnel etwas los ist, erfahren wir das zuerst. Bevor eine Staumeldung kommt, rufen Mitglieder an und sagen: Ich zahle 49 Euro Beitrag im Jahr, macht was, damit ich im Elbtunnel fahren kann. Bei den Baustellen ist die Beschwerdelage ähnlich wie vor zehn Jahren. Aber jetzt kann ich den Leuten sagen: Vor zehn Jahren hast du im Stau gestanden, weil da ein Schlagloch war. Jetzt stehst du im Stau, weil saniert wird. Information schafft Akzeptanz, das ist der goldene Spruch in der Verkehrspolitik.