Beirut ist eine Stadt, bei der Eingeweihte den Bescheidwisserblick aufsetzen und Ahnungslose fragen: Ist es da nicht gefährlich?

Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens: Nein. Und schon gar nicht im Sinne von Bürgerkrieg, an den beim Libanon noch immer alle denken. Dessen Spuren sind zwar an vielen Orten sichtbar, aber die Bewohner der Stadt haben sich mit stoischem Pragmatismus entschieden, sie zu ignorieren. Zweitens: Ja. Jedenfalls wenn man sich vom Nachtleben verschlucken lässt. Mal schauen, wie sich das anfühlt.

Natürlich sollte man die wichtigste Trinkregel ernst nehmen, die in Beirut genauso gilt wie in Berlin: Erst mal eine Grundlage für die Nacht schaffen. Deswegen starten wir im Mezyan, denn hier soll man sehr gut essen und noch besser trinken können. Das Mezyan hatte ein Freund aus Beirut empfohlen, praktischerweise gleich mit Anweisungen, was zu bestellen sei. "Das Moutabal Kousa – gebratene Zucchini mit dem besten Tahini der Stadt. Oder die Sucuk in Granatapfelsauce, auch super."

Das Restaurant ist schlicht, aus orientalischen Lampen fällt warmes Licht auf die Tische. Obwohl es im muslimischen Viertel liegt, bestellen alle den Anisschnaps Arak, das libanesische Nationalgetränk. Und weil das Wasser, mit dem man ihn aufgießt, den Arak zwar milchig macht, aber nicht weniger stark, und weil wir für das Austrinken der ersten beiden Runden weniger Zeit brauchen als die Küche für unser Essen, fühlen wir uns schon nach einer halben Stunde sehr wohl.

Dann kommt der Kellner endlich (das Moutabala Kousa ist tatsächlich fantastisch), und während wir auf der kleinen Terrasse sitzen und essen, blicken wir auf eine niedrige Mauer, auf die jemand, aus welchem Grund auch immer, "Taylor Swift" gesprüht hat. In dem großen Gastraum schieben die Kellner mittlerweile die Tische an die Wand. Wer jetzt noch isst, muss sich beeilen. Ein DJ baut sein Pult auf und spielt Musik, die aus einem soliden Viervierteltakt und nahöstlichem Gesang gewoben ist. Vier Frauen und zwei Männer, alles Gäste, nutzen die neu geschaffene Tanzfläche zum Bauchtanz und sehen dabei beneidenswert gut aus. Als es voller wird, versuchen wir, es ihnen nachzumachen. Merke: Beim Tanzen Spaß haben und gut aussehen sind zwei Dinge, die nicht zusammengehen müssen. Merke auch: Nach drei Arak ist das nicht weiter schlimm.

Es ist heiß, wir schwitzen. Und weil wir irgendwann nicht mehr schwitzen wollen, fragen wir den Barmann, wo man jetzt in Ruhe trinken kann. Ohne Bauchtanz. Er tippt "Anise" in mein Handy.

Ein Taxi, wenn man es richtig anstellt und beim Einsteigen "Service" sagt (ausgesprochen Serviiiice), kostet in Beirut weniger als eine S-Bahn-Karte in Deutschland. Unser Fahrer fährt am 26-stöckigen Holiday Inn vorbei, 1974 eröffnet und damals der Inbegriff des westlichen Jetset-Lifestyles. Ein Jahr später brach der Bürgerkrieg aus. Milizen, Scharfschützen und Granaten machten dem Bau zu schaffen, bis heute ist er eine Ruine. Bei Tag sitzen Tauben in den Einschusslöchern des Gebäudes, das die Stadt überragt wie ein blinder Wächter.